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lebendige Figuren entwickeln - Ankhs Tipps und Tricks (und Links)

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  • lebendige Figuren entwickeln - Ankhs Tipps und Tricks (und Links)

    In der Taverne kam die Frage auf, wie ich meine Figuren entwerfe und in der Geschichte entwickle, und auch wenn ich da sicher keine Patentlösung habe (immerhin sitze ich seit ein paar Wochen dran), erkläre ich hier einfach mal, wie ich das angehe, vielleicht funktioniert die Methode ja auch für einen von euch.

    Ich hatte zuerst meine Figuren und dann danach einen Plot für sie entwickelt, aber meistens entwickelt sich beides parallel und bedingt sich gegenseitig, bis beides am Ende fertig ist, also ist es wohl ziemlich egal, mit was man anfängt.


    Zunächst einmal braucht man eine grobe Idee, was für eine Figur man haben will. Jung oder alt, männlich oder weiblich, Mensch, Vampir oder Goblin, Detektiv, Geheimagent oder Weltretter. Schreib dir ein paar Eckdaten dazu auf, das Alter, das grobe Aussehen, die Welt, in der sie lebt, der Beruf, vielleicht bereits einen hervorstechenden Charakterzug. All das kann man ziemlich beliebig kombinieren, natürlich abhängig vom Genre und der Zeit und Welt, in der die Geschichte spielen soll (wobei eine ungewöhnliche Kombination auch ein ganz neues, reizvolles Genre ergeben kann und nicht gleich verworfen werden sollte, wenn dich die Idee reizt).

    Ich persönlich bin ein großer Fan von Archetypen und Klischees. Dem Klischee haftet immer etwas Negatives an, weil man damit verbindet, dass eine Idee bereits extrem ausgelutscht ist. Aber ich denke, dass es einen Grund gibt, warum manche Ideen sehr häufig verwendet werden: Sie haben etwas reizvolles an sich, das sie bei Autoren und Lesern immer wieder beliebt macht.
    Beliebt ist gut, aber langweilig durch die ständige Wiederholung darf es auch nicht sein. Daher versuche ich meine Figuren auf Klischees zu basieren, ihnen aber genug Individualität zu geben, sodass sie sich interessant von anderen Vertretern ihrer Art abheben.


    Wenn ich eine neue Figur entwerfe, die bis dahin nur sehr vage vorhanden ist, stöbere ich zum Beispiel gerne auf TVTropes in den Charakterarchetypen und überlege mir, welche Tropes zu meiner Figur passen könnten:
    http://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.ph...typalCharacter
    http://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.php/Main/Heroes
    Schreib ruhig mehrere auf, die passen könnten. So viele du willst. Vielleicht kannst du einige kombinieren (was deinen „Klischeecharakter“ dann gleich wieder einzigartiger macht), vielleicht stellst du später fest, dass das eine besser passt als das andere. Vielleicht inspiriert dich einer der Titel in eine Richtung, an die du noch gar nicht gedacht hast. Lies dich in die Beschreibungen ein (die du natürlich nicht buchstäblich übernehmen musst, wenn dir eigene Varianten einfallen ist das natürlich auch super), lies dir die Beispiele auf der Seite durch, wie andere Autoren den Archetyp verwendet haben. Du wirst sehen, da ist eine Menge Variation möglich, z.B.
    http://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.php/Main/LovableRogue

    Eine andere Möglichkeit ist, dass du eine Figur aus Büchern oder Film&Fernsehen kennst, die du faszinierend findest, und eine ähnliche Figur schreiben willst. Dann kannst du suchen, ob du die Figur im Wiki findest und nachsehen, aus welchen Tropes sie sich zusammensetzt. Mit ein bisschen hinzufügen und wegnehmen einzelner Eigenschaften kannst du so eine ähnliche, aber doch ganz individuelle Figur zusammenzimmern, z.B.
    http://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.ph...OfKingsLanding

    Ein wichtiger Gedanke ist auch, dass diene Figur (vermutlich) nicht allein auf der Welt ist. Da Konflikte eine Geschichte (und die darin agierenden Figuen) lebendig machen, ist es eine gute Idee, gleich von Anfang an Reibungpunkte einzuplanen. Damit meine ich nicht einfach, dass der Antagonist das genaue Gegenteil des Protagonisten sein soll. Es ist doch viel interessanter, wenn es zwischen dem Helden und seinem besten Freund ein paar wunde Punkte gibt, während der Antagonist vielleicht die ein oder andere Gemeinsamkeit, sei es das gleiche Problem oder das gleiche Ziel wie der Protagonist, hat. Stelle die Komponenten so zusammen, dass sich eine explosive Mischung ergibt, und die Begegnungen deines Charakters werden nie langweilig verlaufen. Je entzündlicher die Grundeigenschaften deiner Figur sind, desto leichter werden sich Figuren entwickeln lassen, die ihm Zunder geben. Und ein Leser, der deinen Charakter kennt und weiß, warum er so ist wie er ist, wird jedesmal gespannt abwarten, was bei der nächsten Begegnung passieren wird.

    So, jetzt habe ich eine ganze Liste von interessanten Tropes und Eigenschaften, die zu meiner Figur passen könnten. Ich habe vielleicht auch schon einige Ideen zu ihrem Aussehen, ihrem Beruf und ihrer Herkunft. Jetzt ist es an der Zeit mir zu überlegen, wie das alles zusammenpasst. Wie kommt es, dass mein Charakter sowohl klug ist als auch extrem muskulös? Woher hat meine Figur ihre magischen Heilfähigkeiten? Warum fehlt meinem Piloten ein Auge - und ist das kein Problem in seinem Job?? Kurz und gut, mein Charakter braucht eine Hintergrundgeschichte. Was hat er gemacht, bevor die Geschichte anfängt? Wie ist er so geworden, wie er ist, woher hat er seine Fähigkeiten, womit beschäftigt er sich den lieben langen Tag, wie lebt er, wen kennt er, und wie verdammt nochmal hat er sein Auge verloren?

    Hinweise dazu findest du in den Dingen, die du bereits herausgefunden hast. Dein Charakter ist sehr muskulös? Okay, der Junge muss regelmäßig trainieren, damit das auch so bleibt. Warum tut er das? Ist es sein Job? Versucht er sich durch sein imposantes Äußeres Ärger vom Hals zu halten oder lenkt er sich mit dem Training von Problemen ab? Was für ein Job ist das, was für Ärger verfolgt ihn, was für Probleme nagen an ihm?
    Oder dein Charakter ist ein wandernder Abenteuer. Warum ist er unterwegs? Wurde er zuhause rausgeschmissen oder hat er es da nicht mehr ausgehalten oder hat er einfach schon immer davon geträumt, zur See zu fahren und ist jetzt auf der Suche nach einem passenden Schiff?

    Aus der Hintergrundgeschichte ergibt sich oft die erste Motivation deiner Figur. Vermeide es, dass ihm einfach Dinge widerfahren, von denen er in die Welt geworfen wird. Gib ihm einen aktiven Anteil an seinem Schicksal. Ein Charakter, der durch die Lande zieht weil sein Heimatdorf abgebrannt ist ist langweiliger und abgedroschener als ein Charakter, der sein eigenes Heimatdorf abgefackelt hat. Warum hat er das getan?! Genau diese Frage macht ihn interessant und eröffnet weitere Fragen zu seiner Persönlichkeit, seiner Motivation und seinen Zielen. Schreibe dir alle diese Fragen auf, und suche dir Antworten. Und nimm nicht immer die naheliegendste.


    Nachdem du nun die grobe Charakterisierung hast und das Umfeld, durch dass sich deine Figur bewegen soll, schreibe eine kleine Vorgeschichte deines Charakters, was ihm bisher so widerfahren ist. Mit welchen Problemen hatte er zu kämpfen, wie hat er sie gelöst, oder ist er eher davor davongelaufen? Was haben diese Erfahrungen mit ihm gemacht? Eine interessante Liste von Situationen, aus denen dein Charakter kommen kann, findest du hier:
    http://writershelpingwriters.net/emo...nds-thesaurus/
    Dazu steht jeweils, welche Charaktereigenschaften die Figur durch ihre Erlebnisse entwickelt haben könnte, welche Ängste und Angewohnheiten sie nun begleiten könnten (wenn nichts davon auf die Vorgeschichte deiner Figur passt, kannst du dir ja trotzdem nach dieser Vorlage ein paar Gedanken machen). Und vor allem gibt es einen Hinweis auf einen Glauben oder eine Philosophie, an der sich die Figur festhält. Damit haben wir auch schon den ersten Schritt in die Entwicklung, die deine Figur innerhalb deiner Geschichte durchmachen wird.


    Maggi hat bereits in einem schönen Artikel erklärt, wie die Sache mit der Wunde und der Lüge eines Charakters funktioniert. Daher nur nochmal ganz knapp: Die „Wunde“ ist ein (negatives) Ereignis, das deine Figur stark geprägt hat. Aufgrund dieser Wunde hat die Figur ihre „Lüge“ entwickelt, einen Glaubensgrundsatz oder ein Lebensmotto, dem sie folgt und der ihre Handlungen maßgeblich beeinflusst. Da die Wunde eine negatives Erlebnis war, ist es logisch, dass diese Lüge keine sehr gesunde Lebenseinstellung deiner Figur ist. Sie steht deiner Figur sogar aktiv im Weg, eine besserer Mensch (oder Vampir oder Goblin) zu werden. Im Laufe deiner Geschichte und in Abhängigkeit deines Plots ist es nun die Aufgabe deiner Figur, diese Lüge zu erkennen, zu überwinden und eine Wahrheit zu finden, mit der sie am Ende dann ein glücklicheres Leben führen kann. Für die Figurenentwicklung ist es daher auch noch wichtig, dass du dir überlegst, zu welcher „Wahrheit“ deine Figur am Ende der Geschichte gelangt.

    Wie man das plottet ist eine ganz andere Frage, zu der ich diese Serie empfehle, weil das hier sonst den Rahmen sprengen würde:
    http://www.helpingwritersbecomeautho...racter-arcs-1/
    wichtig ist nun vor allem, dass all die Fragen, die du dir bis hierhin gestellt hat und all die Antworten, die du dir dazu (vielleicht hier und da noch mit einem Fragezeichen versehen) notiert hast, zusammengegossen werden und sich daraus der Anfangspunkt und der erhoffte Endpunkt der reise deines Charakters ergeben. Wenn du dir nun noch überlegst, wie der Charakter motiviert wird, die Schritte dazwischen zu gehen, hast du nicht nur einen runden, lebendigen und interessanten Charakter, du hast auch schon seinen Entwicklungsplot innerhalb deiner Geschichte.
    If I could read your mind love
    What a tale your thoughts could tell
    Just like a paperback novel
    The kind the drugstore sells
    -- Gordon Lightfoot "If you could read my mind"

  • #2
    Ei, noch ein Addendum, hier unten, weil ich nicht weiß wo ich es oben dazwischenquetschen soll: Es hilft ungemein, einen Charakter rund zu machen, wenn man ihn nicht einseitig entwirft (klingt logisch, ne?). Damit meine ich, gib ihm nicht nur die naheliegendsten Charaktereigenschaften, sondern auch mal etwas völlig Konträres. Gib den harten Kerl ein softes Hobby. Gib dem kleinen lieben Mädchen eine Vorliebe für Splatterfilme. Gib dem heldenhaftesten aller Helden eine irrationale Phobie. Gib dem Antagonisten eine sympathische Seite.

    Generell machen negative Eigenschaften eine Figur erst menschlich. Niemand mag perfekte Menschen, erst recht dein Leser nicht. Kleine Fehler und Schwächen machen ihn viel zugänglicher, und einige sollte der Charakter auch beibehalten, wenn er sich im Laufe der Geschichte zum Besseren ändert. Eine Figur, die alles mühelos beherrscht, was auf sie zukommt, wird mit der Zeit stinklangweilig. Eine Figur, die an kleinen Dingen des Lebens scheitert (und sei es, im Chinarestaurant mit Stäbchen zu essen) ist nicht nur sympathisch, sie bietet auch gute Gelegenheit den Rest ihres Charakters zu demonstrieren, während du beschreibst, wie sie mit einer unangenehmen Situation umgeht.
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    -- Gordon Lightfoot "If you could read my mind"

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    • #3
      Ich hab da einige von deinen Charakteren wiedererkannt! Und beim Seefahrer hab ich Parletton wiedererkannt

      Eine Frage: Gehst du so eigentlich wirklich an dein Charakterplotting heran oder ist das dein Wegweiser für das nächste Mal, nachdem du vielleicht beim ersten Mal intuitiver an die Sache herangegangen bist?

      Und noch eine Frage (ich mit meinen ewigen Systematisierungen): Wie verschriftlichst und ordnest du all die gesammelten Informationen eigentlich, um den Überblick und die Chronologie zu bewahren?
      Derweilen ist auf dem Feld schon alles gewachsen, bevor die wussten, warum und wie genau es gedeiht. - Franziska Alber

      So nah, so fern.

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      • #4
        Beim Seefahrer hatte ich eigentlich einen Rollenspielcharakter vom Ankhängsel vor Augen, aber wenn es auf Parletton passt, dann sieht man daran ja schonmal, dass es für völlig verschiedene Figuren funktioniert

        Eine Frage: Gehst du so eigentlich wirklich an dein Charakterplotting heran oder ist das dein Wegweiser für das nächste Mal, nachdem du vielleicht beim ersten Mal intuitiver an die Sache herangegangen bist?
        Das ist so die Zusammenfassung von vielen, vielen Jahren die ich immer man wieder an meinen Charakteren gebastelt und rumgefeilt habe. Dazu kämen dann noch ganz eigenwillige Methoden wie die Tarotkarten etc, aber wenn ich einen neuen Charakter angehen wollte, würde ich auf jeden Fall so vorgehen, weil das die Dinge sind, bei denen ich mir sehr sicher sind, dass sie mich weitergebracht haben. Die ganzen Irrwege hab ich jetzt einfach mal dreist unterschlagen

        Und noch eine Frage (ich mit meinen ewigen Systematisierungen): Wie verschriftlichst und ordnest du all die gesammelten Informationen eigentlich, um den Überblick und die Chronologie zu bewahren?
        Zu meinen aktuellen Figuren habe ich eine Menge kleiner Zettelchen und auch auf'm Rechner ein paar Dateien, aber das meiste ist im Kopf, weil ich mich schon so lange mit ihnen rumschlage, dass ich eh alles auswendig weiß. Für neue Figuren (und auch aktuell für die Entwicklungsplots) nehmeich einfach mal einen Block und einen Stift und fange an, mir eben diese Fragen zu stellen und die Antworten zu notieren. Interessante TV-Tropes-Seiten habe ich mit gebookmarkt. Wirklich sauber niederschreiben tue ich außer der Vorgeschichte aber nichts, die Hauptsache ist, dass es in meinem Kopf ist, und die wirklich wichtigen Dinge, aus denen ich etwas machen will, vergesse ich nach ein paarmal auf den Zettel gucken dann auch nicht mehr.
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        • Kelpie
          Kelpie kommentierte
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          Schade, ich wäre neugierig auf die Irrwege gewesen ^^

        • Ankh
          Ankh kommentierte
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          Irrwege sind ja nicht unbedingt die falsche Methode, einen Charakter zu entwickelt (wenn es funktiioniert, ist es nicht falsch, und wenn es bei einem Charakter nicht funktioniert, kannes bei anderen immer noch helfen). Es passiert mir öfter, dass ich mich in eine Idee verrenne, die letztlich nicht zum Charakter oder in das Plotgefüge passt, und die ich dann - mit allen bereits dranhängenden Konsequenzen - verwerfen muss.
          Mir ist es zum Beispiel passiert, dass ich zu viele Dinge auf einen einzigen Charakter geladen habe (kannst dir denken, wer das war). Man denkt immer, je ausgefeilter und komplexer ein Charakter, desto besser. Aber wenn einer alles kann, jedes Drama der Welt mitnimmt und eine Perönlichkeit ist, die in allem ihre Finger hat, dann stiehlt sie mitunter zu viel Spotlight, vor allem, wenn man eigentlich über eine Gruppe schreiben will. Alles um diesen Charakter herum verblasst. jetzt gäbe es die Möglichkeit, alle anderen auch so komplex zu machen, aber irgendwo soll rund um diese Charakterberge ja noch eine geschichte passen. Ich habe mich daher entschieden, ein paar Eigenschaften, Hobbies und Probleme auf andere Figuren zu verteilen, und jetzt ist die Gruppe in sich viel harmonischer.

        • Kelpie
          Kelpie kommentierte
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          War das bevor oder nachdem ich den Roman las?

      • #5
        Ich bin kein Freund von Klischees, weil das langweilig ist. Sicherlich kann man manches nicht umgehen, aber dann wenigstens so ummänteln, dass es spannend ist.
        Ansonsten gilt der Hinweis: Kenne den Hintergrund deiner Figur! Kenne die speziellen Hindernisse für deine Figur! Wie denkt sie? Wie schaut sie auf die Welt? Mach deine Figur zu einem Individuum, zu einer unverwechselbaren Figur!
        Richtig finde ich, dass man die Figur in Beziehung setzen soll.
        Zuletzt geändert von Milch; 07-02-2017, 14:15.

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        • Ankh
          Ankh kommentierte
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          Die Frage ist, wie tief man geht wenn man von "schonmal da" spricht. Wenn man es auf die Basis runterbricht, gibt es nur eine kleine Gruppe Themen, die Menschen bewegen: Liebe, Verlust, der Sieg über das Böse, der Sinn der eigenen Existenz ... Die meisten Geschichten drehen sich um diese Dinge, und trotzdem gibt es Millionen Variationen, und die Leute werden nicht müde, darüber zu lesen. Ich könnte jetzt die Nase rümpfen und sagen "warum soll ich NOCH eine Liebesgeschichte schreiben, war doch alles schonmal da, ich mach lieber was ganz Neues, ich schreib über Tulpenzwiebeln!" Das Tulpenzwiebel-Genre ist sicher noch ziemlich neu und originell. Aber ich glaube, die Leser würden doch lieber einen neuen Liebesroman kaufen als ein Buch über ein Thema, das sie einfach nicht berührt. Und wenn sie es doch lesen, würden sie vermutlich versuchen, darin Metaphern zu finden, die sich auf ihr eigenes Leben und ihre Erfahrungswelt beziehen.

          Klar ist es öde, einfach dasselbe Strickmuster zu nehmen, das schon tausendmal da war, und es in den üblichen Farben nachzustricken. Darum ging es mir auch nicht. Ich habe oben geschrieben
          Daher versuche ich meine Figuren auf Klischees zu basieren, ihnen aber genug Individualität zu geben, sodass sie sich interessant von anderen Vertretern ihrer Art abheben.
          Ich versuche herauszufinden, was die Leute an diesen Klischees mögen, weil es sie berührt. Und was sie berührt, kann ich guten Gewissens hundertmal wiederverwenden. Darüber hinaus muss ich natürlich versuchen, ihnen etwas Neues zu bieten, und das tue ich, indem ich mit der Grundlage dieser Klischees spiele und ihr neue Formen gebe, so lange, bis ich die Figur selbst so fazinierend finde, dass mich das Klischee nicht mehr dümmlich angrinst.

          Die Rechtsmedizinerin, der Komissar, der Privatdetektiv, das gesamte Krimigenre sind im Grunde auch nichts anderes als neue Bilder eines alten Helden, der auszieht, um ein Unrecht wieder zurechtzurücken. Man kann bestimmt noch viele andere Figuren finden, die nach demselben Muster arbeiten, und das kann man auch gerne als etwas Neues, nie Dagewesenes feiern. Aber ich finde es hilfreich, sich zu vergegenwärtigen, welches Grundbedürfnis diese Figuren ansprechen, denn dann kann ich viel leichter bestimmen, welche Teile ich beibehalten muss und welche ich austauschen kann.

          Genauso ist es beim doch recht verbreiteten Alkoholismus bei den Figuren. Es ist eine aus schriftstellerischer Sicht sehr praktische Schwäche: Einschränkend, doch nicht zu sehr, nicht leicht zu überwinden, aber doch ein Stück die eigene Schuld der Figur, und vor allem eine Schwäche, die Außenstehende zwar nicht kalt lässt, aber doch nicht so abstößt, dass sie den Protagonisten unsympathisch macht. Ein Tierquäler oder Kinderschänder würde nicht funktionieren als Protagonist, da fehlt die Toleranz der Leser. Ein milderes Laster wie eine Vorliebe für Sanddornbonbons zählt dagegen nicht als hinderliche Schwäche. Wenn ich jetzt also vom Klischee des saufenden Detektivs weg will, kann ich mir dieses Klischee vornehmen und z.B. eine ähnliche Sucht daraus machen, die in etwas denselben Effekt hat, aber eben literarisch noch nicht so verbraucht ist wie Alkohol. Und dann habe ich eben am Ende einen VR-süchtigen Teenager, der im Chat seines virtuellen Raums plötzlich die Planung eines Mordes mithört und versucht, ihn zu verhindern.

        • Milch
          Milch kommentierte
          Kommentar bearbeiten
          Du bist mir zu oberflächlich. Das sind keine Themen, sondern Kerninhalte der Literatur.
          Was ist Liebe? Man definierte es in den letzten Jahrhunderten anders.
          Was ist das Böse? Wie ist es zu besiegen?
          Wie gehe ich mit dem Verlust um? Wie definiere ich Verlust?
          Was ist Sinn der eigenen Existenz? Früher stellte man sich die Fragen nicht.
          Was ist ein gutes Leben?
          Da man dieses immer anders interpretiert, entstehen da auch neue Geschichten, die nicht immer den Mustern entsprechen müssen, weil die Antworten anders ausfallen. Übrigens kann man die Liste fortsetzen, manchmal kommen neue Fragen dazu, manchmal gehen auch Fragen, manches bleibt auch. Die Welt ist im Wandel und sie ist es ständig.
          Mit der Liebe kann man auch andere Themen einarbeiten, beispielsweise das Thema Zölibat, Schüler-Lehrer-Beziehung, um ein paar ziemlich ausgelutschte zu nehmen.
          Und über die Tulpenzwiebel kann man sicherlich einen tollen Roman über Gier schreiben, wahrscheinlich gibt es ihn auch.

          Vielleicht gibt es im Kriminalbereich auch Möglichkeiten, wie man da neue Hindernisse entwickeln kann, wenn man sich mit dem Thema beschäftigt.

        • Dodo
          Dodo kommentierte
          Kommentar bearbeiten
          Hm. Was genau ist der Unterschied zwischen (Menschheits-)Thema und Kerninhalt der (menschlichen) Literatur?

          Wie anders definierte man denn Liebe in vergangenen Zeiten? Wie definiere ich es? Wie definierst du es? Gibt es eine Definition, die für jeden Menschen zu seiner Zeit zutrifft? Jeder sieht andere Aspekte, darin liegt die Varianz, aber das Kernthema, das den Menschen hier beispielsweise beschäftigt, ist Liebe. Das Bild, das sich aus der Schnittmenge aller "Definitionen" oder eher Assoziationen ergibt, ist vielleicht die Grundlage für Klischees über die Liebe. Sich daran zu orientieren, halte ich für legitim und, wenn es gut gemacht und gekonnt variiert wird, sogar für schön.
          Schließen sich ein gekonnt aufbereitetes Klischee und ein Lesewert aus?

          Milch Wie entwickelst du lebendige Figuren?

      • #6
        Ich gehe mal hierhin, weil ich finde, dass die Diskussion in den Kommentaren etwas untergeht.

        Oberflächlich finde ich etwas hart. Jeder hat seine eigene Art an seine Geschichten heranzugehen, Ankh hat oben die ihre beschrieben und sie nutzt eben Klischees und ändert sie ab. Daran finde ich nichts Verwerfliches, weil sie offensichtlich genau weiß, was sie tut. Wie heißt es so schön? Nur wer die Regel beherrscht, kann sie brechen.

        Wenn dir das zu wenig ist und wenn dir jedes Klischee zuwider ist, dann kannst du das weiträumig umgehen. Persönlich finde ich das extrem schwer. Und ich habe auch nicht die Muße, mich damit zu befassen. Ich schreibe Geschichten, die ich selbst gerne lesen würde und diese Geschichten handeln eben von einem gewissen Menschenschlag. Piraten, Räuber und Ritter sind denkbar abgedroschen, allein diese Berufsbezeichnung ist ja schon ein Klischee. Worin sollte ich das umändern? Bettler? Ebenso klischeehaft. König? Dasselbe. Bauer? Ebenfalls ausgelutscht.

        Die ewige Klischeevermeidung führt bei mir auf direktem Wege in eine Blockade. Weil es eben wenig Neues gibt. Und weil es überhaupt nicht in meinem Ermessen liegt, etwas völlig Neues zu schreiben. Nachdem es jede erdenkliche Form der Literaturgattungen gab, kam der Dadaismus. Absolut neu - absolut schrecklich in meinen Augen. Viel Neues wird geringgeschätzt, weil die Menschen das Altbewährte lieben. Warum also unbedingt weg von Klischees? Das ist eine ernst gemeinte Frage: Warum sollte man dringend Klischees vollkommen vermeiden, anstatt sie für seine Zwecke zu nutzen?

        Das sind keine Themen, sondern Kerninhalte der Literatur.
        Sind Kerninhalte der Literatur keine Themen?

        Was ist Liebe? Man definierte es in den letzten Jahrhunderten anders.
        Was ist das Böse? Wie ist es zu besiegen?
        Wie gehe ich mit dem Verlust um? Wie definiere ich Verlust?
        Was ist Sinn der eigenen Existenz? Früher stellte man sich die Fragen nicht.
        Was ist ein gutes Leben?
        Das sind philosophische Fragen und dahinter stehen teils philosophische Strömungen. Aber die Themen bzw. Kerninhalte sind dieselben und ändern sich nicht - und damit auch nicht das Klischee dahinter. Ob nun die Liebe von Tristan und Isolde, von Romeo und Julia oder von Aragorn und Arwen erzählt wird - ich sehe zwischen den Texten keinen inhaltlichen Bruch, der sich aufgrund unserer "sich wandelnden Welt" ergeben hätte. Im Gegenteil, das Faszinierende an Weltliteratur ist ja gerade, dass sie zeitlos ist - ergo Themen behandelt, die sich, obwohl sich die Welt verändert, nicht abnutzen.
        Klischees, sozusagen.
        Derweilen ist auf dem Feld schon alles gewachsen, bevor die wussten, warum und wie genau es gedeiht. - Franziska Alber

        So nah, so fern.

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        • Ankh
          Ankh kommentierte
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          Schneeregen Das ist ein interessanter Gedanke, war mir gar nicht bewusst. Aber es stimmt, man versucht Charaktere in eine Schublade zu packen, und so lange ich das nicht kann, bin ich bei einer Person vorsichtig - was verhindert, dass ich mich voll auf sie einlasse. Umso spanndender ist es, wenn das Bild dann später überraschend an einigen Stellen nicht passt, aber durch etwas anderes ersetzt wird (wenn es leer bleibt, ist das wieder verwirrend).

          Auf Teufel komm raus ein Klischee vermeiden wird vermutlich dazu führen, dass der Leser sich dann doch an dem nächstliegenden Klischee orientiert. Ich stelle es mir auch ermüdend vor, ewig nach einer Lücke zu suchen, wo ausnahmsweise mal kein Klischee existiert (denn derer gibt es viele), anstatt zu schreiben, worauf man Lust hat, Klischee hin oder her.

        • Kelpie
          Kelpie kommentierte
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          Guter Gedanke, Schneeregen. Ich kann das auch für mich unterschreiben. Auch wenn mich stinknormale Klischees stören, hat man doch eine Schublade. Und eben, wenn dieses Bild plötzlich abgeändert wird, dann entsteht Spannung und Mitfiebern.

        • Schneeregen
          Schneeregen kommentierte
          Kommentar bearbeiten
          Jap, der Charakter darf natürlich nicht in der Schublade bleiben.

      • #7
        Kein guter Roman kommt ohne Liebe und Tot aus, also sind das für keine Themen, sondern natürliche Bestandteile.
        Romeo und Julia ist auch teilweise in der Zeit verhaftet, in der es spielt und mindestens in der es geschrieben wurde.
        Es erzählt eine Geschichte aus einer vorjuristischen Welt. Heute muss man sie ziemlich anpassen, damit sie in die heutige Zeit passt. Der Romeo und Julia-Film mit Leonardo Dicarpio hat die Geschichte sinnigerweise in eine Mafiastruktur verlegt, denn nur da funktioniert die Geschichte eigenermaßen. Westsidestory packte man ja auch ins Bandenmilieu. Man sieht, die Welt wandelt sich, sonst hätte man die Geschichten nicht verändern müssen, um sie in die heutige Zeit zu packen.
        Die Vorstellung von einem König haben sich gewandelt, sie haben es auch zurecht getan. Ein gerechter König, der gleichzeitig auch autoritär ist, kann ich mir aus der heutigen Sichtweise nicht vorstellen. Das gleiche gilt für Räuber, Piraten und so weiter. Man kann ja auch über Piraten und so recherchieren, vielleicht widerspricht es die Klischee in manchen Teilen. In einer Geschichte will ich auch, dass so etwas in die Geschichte einfließt.

        Und dada ist lustig, nicht schrecklich.

        Kommentar


        • #8
          Romeo und Julia ist auch teilweise in der Zeit verhaftet, in der es spielt und mindestens in der es geschrieben wurde.
          Es erzählt eine Geschichte aus einer vorjuristischen Welt. Heute muss man sie ziemlich anpassen, damit sie in die heutige Zeit passt. Der Romeo und Julia-Film mit Leonardo Dicarpio hat die Geschichte sinnigerweise in eine Mafiastruktur verlegt, denn nur da funktioniert die Geschichte eigenermaßen. Westsidestory packte man ja auch ins Bandenmilieu. Man sieht, die Welt wandelt sich, sonst hätte man die Geschichten nicht verändern müssen, um sie in die heutige Zeit zu packen.
          Nein, das sehe ich völlig anders. Es ist ein Kunstgriff, eine alte Geschichte in ein modernes Milieu zu packen, das ist witzig, irgendwie neuartig und kann dem Leser oder Zuschauer helfen, die Parallelen von damals mit heute zu vergleichen bzw. andere Sachen ad absurdum zu führen. Aber ich glaube absolut nicht, dass Romeo und Julia in der Urfassung heute nicht mehr funktionieren? Warum denn? Weil heute keiner mehr mit Degen kämpft? Da muss man sich als Leser nur auf diese Zeit einlassen. Es geht ja nicht darum, ob man heute Handys hat und damals Brieftauben schickte; das sind Details. Was einen Roman aktuell macht, sind die Inhalte dahinter. Auf der Metaebene. Aber auf eben dieser Ebene spielen auch Klischees.

          Die Vorstellung von einem König haben sich gewandelt, sie haben es auch zurecht getan. Ein gerechter König, der gleichzeitig auch autoritär ist, kann ich mir aus der heutigen Sichtweise nicht vorstellen.
          Nicht? Ich mir schon. Nicht jeder König war schlecht. In Romanen ist er vermutlich deswegen unbeliebt, weil ein guter König keinen Konflikt bringt. Aber ich finde nicht, dass die moderne Sicht uns verbietet, über einen guten König zu schreiben.

          Das gleiche gilt für Räuber, Piraten und so weiter. Man kann ja auch über Piraten und so recherchieren, vielleicht widerspricht es die Klischee in manchen Teilen. In einer Geschichte will ich auch, dass so etwas in die Geschichte einfließt.
          Aber guck, genau darum geht es doch. Klischee besoffener Pirat oder grober Räuber - und ich versuche dem etwas Liebenswürdiges zu geben. Ich fühle mich mit dieser Figur sehr wohl und auch wenn es sicherlich nicht die Innovation schlechthin war, habe ich doch meistens die Rückmeldung erhalten, dass man den Kerl ganz gern mag. Trotz Klischee. Wo ist also das Problem? Ist es einfach nicht literarisch genug?

          Und dada ist lustig, nicht schrecklich.
          Das ist reine Ansichtssache.
          Derweilen ist auf dem Feld schon alles gewachsen, bevor die wussten, warum und wie genau es gedeiht. - Franziska Alber

          So nah, so fern.

          Kommentar


          • #9
            Ich spreche bei Romeo und Julia nicht von den Waffen, sondern von den Gesellschaftsverhältnissen, der Romeo-und-Julia-Konflikt ist von einer Kultur geprägt, die von Fehden lebte, weil es keine vernünftigen Gerichte gab, an die man sich wenden konnte, um solche Verhältnisse zu klären. Ich halte die Metaebene nicht mehr für aktuell.
            Es mag uns trotzdem berühren, weil wir gute, konflikreiche Geschichten mögen.

            Nein, ich glaube nicht an den gerechten, autoritären König, weil es gegen neueste psychologische Erkenntnisse spricht. Sicherlich gab es auch bessere Könige, aber sie hatten auch ihre Schattenseiten, meistens anfangs bejubelt, mit der Zeit immer engstirniger. In einer aktuellen Geschichte will ich, dass der Autor sich dafür interessiert.

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            • Schneeregen
              Schneeregen kommentierte
              Kommentar bearbeiten
              Die Geschichte von Romeo&Julia ist komplet erfunden und Setting sowie stand richtet sich nach der Zielgruppe des Stücks - die englischen Adeligen, die das Stück durch das italientische Setting exotisch fanden und durch die Fehde eben eine spannende Basis ist.
              Das war damals genauso fiktion, wie es heute ist.

              Ich möchte zudem nur an das Ende erinnern. Da wird sogar explizit drauf eingegangen, dass der Hass erst dazu führen musste, dass zwei unschuldige aus Verzweiflung ihr Leben verlieren, damit die Streihähne es beilegen. Der Hass wird durch diese Aussage scharf verurteilt.

              Auch wenn Leute sich heute nicht mehr mit Degen bekämpfen, machen Streitigkeiten und Hass nicht vor sozialen Schichten halt. Es ist naiv zu glauben, dass das Problem sich durch ein Gericht lösen würde. Gerichtsprozesse dauern mitunter Jahre. Vor Gericht würden bei einer Fehde Einzelfälle untersucht werden. Bis die geklärt sind, geht die Fehde weiter. Dann hat man vielleicht ein Richterurteil zu einem Fall, das ändert aber den Hass nicht.

            • Milch
              Milch kommentierte
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              Der Konflikt der beiden Familien in R+J ruht auf einer Altlast, es ist kein aktuelles Problem.
              Die Botschaft gegen den Hass mögen wir hören, das Dilemma entgeht uns.
              Im elizabethanischen Zeitalter stand England auf der Kippe zur Verrechtlichung.

              Ein Teil ihres Problem kann man nachvollziehen, aber ob man es in seiner Komplexität nachvollziehen kann, das bezweifele ich, weil es nicht nur die pyschologische Komponente hat, sondern auch die gesellschaftliche. Das gleiche gilt für die Ehebruchromane, ein Teil kann man nachvollziehen, die ganze Tragweite jedoch nicht.
              Und Gefühle sind nur ein Teil der Aufgabe der Literatur, der andere Teil vergewissern wir uns, wie wir die Welt sehen. Und darum sollten wir Klischees vermeiden.

            • Kelpie
              Kelpie kommentierte
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              Schneeregen hat es bereits angesprochen: Romeo und Julia ist nicht real. Die italienischen Familien haben zu der damaligen Zeit vielleicht gehaust, aber Totschlag war schon damals verboten. Und wo wir schon von Realismus sprechen: Selbst die Namen sind ja alles andere als italienisch.

              Ich verstehe nicht ganz, worauf du hinauswillst, Milch. Dass Romeo und Julia inaktuell sind? Dass sie mit aktuellen Liebesgeschichten nichts gemein haben? Es ist klar, dass diese Geschichten zu einer anderen Zeit spielen und deswegen nicht zu 100% auf heute übertragen werden kann (wobei ich an der Stelle der Aussage, dass es heute keine Fehden mehr gibt, widersprechen würde). Aber erstens geht es nicht um jedes Detail, sondern um die Metaebene oder den Subtext, zweitens kann man auch heute noch eine Geschichte im alten Verona spielen lassen und dort ebenso eine Liebesgeschichte ansiedeln, und drittens spielt Romeo und Julia meines Wissens nicht einmal zu Shakespeares Zeiten.

          • #10
            Überdauernde Themen (Kerninhalte) / Figuren werden im Kontext der aktuellen Zeit immer wieder neu heraufbeschworen, ohne dass sich die Themen / Kerninhalte wandeln. Sie werden verschieden ausgeleuchtet und werfen dann vielleicht ungewohnte, interessante Schatten. Ein Mittel dabei ist, eine Klischee-beladene Figur mit neuen Attributen zu entladen. Ich kenne keine Geschichte ohne Klischee(-Figur). Selbst der Klischee-Bruch ist mittlerweile ein Klischee.
            Meiner Meinung nach wäre eine Klischee-freie Geschichte, wenn überhaupt möglich, wahrscheinlich tot auf vielen Ebenen. Sie wäre krampfhaft an Klischees vorbei über-konstruiert, ginge an der Erlebenswelt und Erwartungshaltung eines üblichen Lesers vorbei und wäre daher seltsam uninteressant oder langweilig, weil eine Identifikation mit den Figuren ausbliebe.
            Vermeintlich neue Botschaften auf einer Metaebene zu vermitteln schafft man auch in Geschichten mit Klischee-Grundlage. Wie die anderen vor mir schon schrieben: man kann Klischees hervorragend abwandeln und große Schreib- und Lesefreude damit erzeugen.
            Und wie konstruiert man eine Figur ohne zugrundeliegendes psychologisches / physiologisches Muster?
            Einem tumben Kraftprotz als Hobby Schmetterlingszucht oder existenzialistische Philosophie anzuhängen, ist gewollter Klischee-Bruch, aber probates Mittel, in meinen Augen. Wie und wieso sollte man so etwas vermeiden?

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            • #11
              Klischee mit neuen Attributen ist kein Klischee mehr. Um sie abwandeln zu können, muss man mehr wissen, als die Klischees.
              Klischee hat auch damit zu tun, dass etwas anders sein kann, als es uns immer erzählt wird. Sind alle Türken in Deutschland Gemüsehändler, sind alle Kommissare alkoholkrank? Oder warum verwenden fortschrittliche Kommissare nicht mehr Good-Cop-Bad-Cop? Warum ist ein Geständnis heute nicht mehr so entscheidend?
              Ja, Psychologie kann man nicht neu erfinden, aber mit der Gesellschaft ändern sich teilweise auch die psychologischen Grundlagen.

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              • Milch
                Milch kommentierte
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                Am Anfang mag der trunksüchtige Kommissar ein toller Einfall gewesen sein, aber muss man das dauernd kopieren.
                Nein, die Bleigewichte sind nicht Klischee. Wobei ich mich frage, ob es sie wirklich braucht. Brauchte Colombo so etwas, um spannend zu sein? Und ich finde, der ist nicht nur eine Pappfigur.

              • Dodo
                Dodo kommentierte
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                Fies, jetzt den Columbo zu bringen.
                Der rauchte viel und war schlampig bis zum Umfallen. Aber - es war neu und genial kombiniert. Was man aus dem Klischee Inspektor Töffel herausholen kann.

                EDIT: Jetzt habe ich das unstillbare Verlangen nach vier Folgen Columbo.

              • Milch
                Milch kommentierte
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                Viel Spaß, das ZDF wiederholt in der Freitagnacht Columbofolgen.
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