Ankündigung

Einklappen

Ankündigung:

Bezüglich Spendenaktion: Bitte folgt diesem Link für nähere Informationen. Diese Aktion ist immer noch aktuell.
Mehr anzeigen
Weniger anzeigen

Figuren entwickeln - Die Maggi-Methode

Einklappen
X
  • Filter
  • Zeit
  • Anzeigen
Alles löschen
neue Beiträge

  • Figuren entwickeln - Die Maggi-Methode

    Hallo ihr Lieben,
    ein paar von euch kennen meine Methode vermutlich noch aus dem alten Forum, aber da ich darum gebeten wurde, werde ich sie hier für alle, die sie noch nicht kennen, noch einmal erklären.

    Einige Dinge vorweg:
    1. Das ganze ist mir natürlich nicht plötzlich im Traum erschienen, sondern ist aus verschiedenen anderen Methoden und Quellen zusammengebastelt. Den größten Einfluss hatte dabei die Blog-Artikel-Serie "Creating Stunning Character Arcs", die ihr hier finden könnt und die ich jedem nur ans Herz legen kann.
    2. Um Streitigkeiten vorzubeugen: Ich bin nicht der Meinung, dass diese Methode die einzig richtige, gute oder zielführende ist. Ist ist lediglich die Methode, mit der ich mein Charakterentwicklungsproblem in den Griff bekommen habe.
    3. Diese Methode ist dafür gedacht, eine bestimmte Sorte Figuren zu entwickeln: Die wichtigsten Hauptfiguren, die ihren eigenen Handlungsbogen durchlaufen.

    Vorwort: Ich habe jahrelang mit der Charaktererschaffung gerungen und verschiedenste Tricks ausprobiert: Reale Menschen als Vorbild, Listen mit Charaktereigenschaften, Zufallsgeneratoren und Fragebogen um Fragebogen. Ihr kennt dir ja sicher alle? Diese Bögen in denen man Vornamen, Augenfarbe, Lieblingseissorte und Brustwarzenvorhofdurchmesser eintragen soll. Ich habe versucht, diese Bögen auszufüllen, aber egal wie viel Mühe ich mir gegeben habe, am Ende kam doch nur bestenfalls Stückwerk dabei heraus. Irgendwann hatte ich mein Problem dann erkannt: Wie soll ich solche Fragen beantworten, wenn die die Figur noch gar nicht kenne? Wenn ich gar nicht weiß, wie sie tickt?
    Die Methode, die ich euch jetzt vorstelle, soll genau dabei helfen. Sie setzt im Kern an, sie dient dazu, die innere Mechanik zu entwickeln. Wenn man die kennt, dann ergeben sich die Antworten in diesen Fragebögen auch von ganz alleine.
    Das zweite wichtige Element, dass ihr mit dieser Methode zeitgleich entwickelt der innere Plot, die innere Entwicklung, die eure Figur nimmt, im englischen Character Arc genannt. Ich werde den englischen Begriff benutzen, weil die deutsche Übersetzung Charakterbogen leicht mit den oben angesprochenen Fragebögen verwechselt wird.

    Alle startklar? Gut, los geht's!

    Schritt 1: Die Wunde
    Die Wunde ist ein Ereignis in der Vergangenheit eurer Figur, das Narben auf der Psyche eurer Figur hinterlassen hat. Ein Ereignis, das so einschneidend war, dass es ihr Denken, Fühlen, Handeln und ihren Blick auf die Welt nachhaltig verändert hat. Und zwar zum schlechten (denn sonst haben wir kein Material für den Character Arc).
    Die Wunde kann viele Formen annehmen. Sie kann psychischer oder physischer Natur sein, ein einziges Ereignis oder eine prägende Zeit sein, weit zurück liegen oder erst vor kurzem passiert sein. Sie muss nicht einmal richtig negativ sein. Also keine Sorge, ich fordere euch nicht auf, jeder Figur den Stempel "traumatische Kindheit" aufzudrücken.

    Schritt 2: Die Lüge
    Als nächstes macht man sich Gedanken darüber, wie diese Wunde das Denken der Figur geprägt hat. Einige Autoren nennen das "die Lüge, die die Figur glaubt".
    Es handelt sich dabei um verallgemeinerte (falsche) Annahmen über sich selbst, Menschen, die Welt, etc.
    Eine Figur, die von der Gesellschaft immer wieder ausgegrenzt wird, kommt vermutlich irgendwann zu dem Schluss "Ich bin anders. Ich gehöre nicht dazu".
    Eine Figur, die einmal schwer betrogen wurde, kommt zu dem Schluss "Man darf niemandem trauen, außer sich selbst". Je nach Figur kann das ganze auch ganz unterschiedliche Wege nehmen. Eine Figur, der Gewalt angetan wurde kommt eventuell zu dem Schluss "Es ist am besten, unauffällig und unterwürfig zu bleiben, dann ist man sicher." Genauso gut könnte sie aber auch anfangen zu glauben "Du musst härter sein, als alle anderen. Dann bist du sicher."
    Wenn man sich klar gemacht hat, welche Lügen die Figur glaubt, dann hat man schon einen ziemlich guten Kompass zur Hand um zu entscheiden, wie sie in bestimmten Situationen fühlt und handelt.
    Ihr ahnt es vielleicht schon: Es ist die Lüge, die falsche Annahme, die die Figur innerhalb ihres Character Arcs überwinden muss.

    Schritt 3 und 4: Ängste und Schwächen
    Wir wissen nun also einiges über das Innenleben unserer Figur. Nun wird es Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, wie sich das nach außen hin äußerst.

    Ängste. Das ist ja so ein Punkt der eigentlich immer in diesen Fragebögen auftaucht. Man muss sich da nichts aus den Fingern saugen. Sollte man sogar vermeiden. Die Antwort findet man nämlich in Schritt 1. Die Figur hat Angst davor, die Erfahrungen aus Schritt 1 in der selben oder einer anderen Form noch einmal zu erleben.

    Schwächen. Auch Schwächen leiten wir aus Schritt 1 ab und jetzt wird es richtig interessant, denn Schwächen sind die Verhaltensweisen, die die Figur sich angeeignet hat, um sich davor zu schützen, die selbe schmerzhafte Erfahrung aus Schritt 1 noch einmal zu erleben. Es sind überspitzte und fehlgeleitete Verhaltensweisen. Psychologen würden das als negative Coping-Strategie bezeichnen.

    Eine Figur, die einmal im Stich gelassen wurde, wird Angst haben, dass es noch mal passiert und sich gar nicht erst auf andere verlassen. Jemand der immer ausgegrenzt wurde, wird gar nicht erst versuchen, dazuzugehören, um die Erfahrung nicht noch einmal machen zu müssen. Eine Figur, die einmal einen großen Fehler gemacht hat, wird versuchen, sich verantwortungsvollen Aufgaben zu entziehen, weil sie nicht noch einmal versagen will, oder sie wird neurotisch-perfektionistisches Verhalten an den Tag legen, um einen neuen Fehler zu vermeiden.


    Nun, da ihr die Ängste und Schwächen eurer Figur kennt, habt ihr einen guten Kompass für das Fühlen und Handeln eurer Figur. Alles weitere könnt ihr ohne große Probleme daraus ableiten. Außer vielleicht den Brustwarzenvorhofsdurchmesser.


    Das ganze funktioniert übrigens auch rückwärts: Wenn ich zum Beispiel gerne einen Charakter hätte der Arrogant, Feige oder Selbstsüchtig ist, dann muss ich mir nur die Frage stellen "Welche schmerzhaften Gefühle versucht meine Figur durch dieses Verhalten zu vermeiden?" Und dann noch einen Schritt zurück "Bei welchem traumatischen Ereignis hat die Figur diese Gefühle zum ersten Mal erlebt?" Voilà.

    Und was ist nun mit dem Character Arc?
    Das ist ganz einfach: Wie schon oben angesprochen ist das Ziel des Character Arc, des inneren Plots, das enttarnen der Lüge als das was sie ist, eine Lüge. Es ist das Überwinden der Ängste und Schwächen, die auf dem Boden der Wunde und der Lüge entstanden sind.
    Innerer und äußerer Plot sind dabei miteinander verzahnt:
    -Der äußere Plot ist die Initialzündung für die innere Entwicklung. Durch das Problem, dass der äußere Plot mit sich bringt, ist die Figur gezwungen, die Komfortzone der Lüge zu verlassen.
    - Die Ängste und Schwächen die Lüge und Wunde mit sich bringen verhindern, dass die Figur in der Lage ist das äußere Problem zu lösen. Die negativen Coping-Strategien lassen sie immer wieder scheitern.
    - Der Mittelpunkt der Handlung korreliert in etwas mit dem Moment der Erkenntnis. Die Figur ahnt zum ersten Mal, dass die Lüge falsch ist und das sie sie überwinden muss, um erfolgreich zu sein.
    - Das Überwinden der Lüge gelingt aber erst kurz vor dem Klimax (häufig katalysiert durch den Tiefpunkt vor dem Klimax). Das besiegen der Lüge und der damit verbundenen Schwäche (übrigens auch bekannt als "fatal flaw" oder in Deutsch die berühmte "Achillesferse") erlaubt es der Figur dann überhaupt erst, den Antagonisten zu besiegen und den Hauptkonflikt zu lösen. Nach der Auflösung des inneren Plots folgt die Auflösung des äußeren Plots. Die Figur ist an ihrer Aufgabe- und über sich hinaus gewachsen.



    Eigentlich gar nicht so schwierig, oder? Im Grunde geht es nur darum, nicht einfach auf gut Glück Eigenschaften in einen Topf zu werfen (denn das ist der schnellste Weg zu einer Figur, die sich künstlich und konstruiert anfühlt und die die Leser weder emotional noch handlungstechnisch nachvollziehen können), sondern sich immer zu Fragen "Warum ist das so?" und "Wozu führt das?".
    Zuletzt geändert von Maggi; 11-11-2016, 19:02.

  • #2
    Oh my. Das hilft mir wirklich! Meine Protagonistin (Was eine umgewöhnung ProtagonistIN zu schreiben ) eignet sich perfekt für diesen Arc-Style!


    Aber was ist, wenn mein Charakter keinen Schritt 1 hat? Das er einfach ein normaler Mann/Frau ist, ohne einschneidende Probleme vor dem Buch? Wie kann er dann einer "Lüge" erliegen? Klappt es auch, wenn erst in der Geschichte der Charakter so eine Lüge "erfährt"? Er also Schritt 1 im buch vollzieht? Wie ist das dann mit dem Pacing, bis er einer Lüge erliegt, ängste und Schwächen bekommt und diese dann überwindet? Das klingt ja fast shcon nach "normalem" Plot und keinem Charakter-Arc

    Kommentar


    • Ankh
      Ankh kommentierte
      Kommentar bearbeiten
      Ich denke, dass jeder Mensch in seinem Leben mal ne schlechte Erfahrung macht, und sich zum Beispiel aufgrund dessen entsprechende Verhaltensweisen angewöhnt. Niemand geht ganz unbeleckt durchs Leben. Wenn der Weg deines Charakters bisher in deiner Vorstellung immer mit Butterblümchen gepflastert war, dann setzt dich mal hin und überlege dir, was in ihrem Leben so alles passiert sein könnte, und was das für auswirkungen haben könnte. Gerade, wenn sonst alles paletti gelaufen ist, können auch Kleinigkeiten eine größere Auswirkung haben.

      Umgekehrt kannst du auch versuchen, eine herausstechende Eigenschaft von ihr zu nehmen, die du bereits festgelegt hast, und dir überlegen, warum sie die hat. Was könnte passiert sein, wobei ihr diese Verhaltensweise geholfen hätte, sodass sie sie sich antrainiert hat?

  • #3
    Danke Maggi! Das hört sich alles sehr brauchbar an, bei einigen meienr Figuren bin ich ähnlich vorgegangen. Wärst du so lieb und taggst deinen Beitrag noch mit einem Stichwort (Charakterentwicklung) oder so, dass man ihn auch immer wiederfindet, wenn man was in der Richtung sucht?
    If I could read your mind love
    What a tale your thoughts could tell
    Just like a paperback novel
    The kind the drugstore sells
    -- Gordon Lightfoot "If you could read my mind"

    Kommentar


    • #4
      Aber was ist, wenn mein Charakter keinen Schritt 1 hat? Das er einfach ein normaler Mann/Frau ist, ohne einschneidende Probleme vor dem Buch?
      Du Spaßvogel, dann musst du dir halt was ausdenken. Die Figuren entwickeln sich nicht von alleine. .D
      Nein, im ernst: "Ganz normal" gibt es eigentlich nicht. Es muss ja wie gesagt nicht irgendein dramatisches Trauma sein, nur eine prägende Erfahrung. Die hat jeder. Auch im echten Leben. Niemand geht auf Wolken durch's Leben. Das sollte auch für deine Romanfiguren gelten.

      Hier eine grobe Übersicht, um deinen Gedanken etwas auf die Sprünge zu helfen.
      - physische Verletzung oder Behinderungen
      - Ungerechte oder Unfaire Behandlung
      - Fehlschläge und Fehler, die die Figur selbst begangen hat
      - Verrat oder Betrug
      - Isolation, Einsamkeit, Ausgrenzung
      - Zurückweisung oder Vernachlässigung
      - Enttäuschung

      Vielleicht hilft dir auch diese tolle Sammlung:
      http://writershelpingwriters.net/emo...nds-thesaurus/

      Da sind nämlich die Schritte 2-4 auch gleich mit vorgeschlagen.

      Kommentar


      • Ankh
        Ankh kommentierte
        Kommentar bearbeiten
        Danke für den Link, hab grad ne neue Idee zu einem Prota bekommen

    • #5
      Ankh Maggi Klar hat jeder mal nen Schicksalsschlag gehabt. Aber muss der denn für den Arc genutzt werden? Ich habe so ein bissel das Gefühl/die Befürchtung, dass solche Arc-Ansätze die Individualität eines Werkes beeinträchtigen können. Ich mein, klar. Hier und da mal ein bissel mobbing in der Schule erfahren. In ne Schlägerei gekommen oder der gleichen. Aber direkt so große Auswirkungen auf das leben? In Forstmannen habe ich ja 2 Protas/2 PoVs. Prota 1 kommt aus gewaltätigem Elternhaus (Die Wunde) und leidet darunter, vertraut, vor allem Männern nicht die Spur, weil das eh alles brutale Schläger sind (Die Lüge).

      Aber Prota 2 hat z.b keine solche Erfahrungen gemacht und irgendwie widerspricht es mir, extra für Prota 2 einen solchen "Schicksalsschlag" auszudenken, damit er ihn im Buch überwinden kann oder darunter zerbircht Wobei prota 2 echt zu blass ist. Zusammenhänge KÖNNTEN da bestehen ...

      Kommentar


      • Mona
        Mona kommentierte
        Kommentar bearbeiten
        Maggi Ja, du hast recht, Ticks sind natürlich zu wenig, um Figuren Tiefe zu verleihen. "Tiefe" war vielleicht auch blöd ausgedrückt von mir. Ich meinte damit eher ... hmm ... etwas "Realistisches", etwas "Lebendiges". Weg vom Superhero der einfach mit gar nix zu kämpfen hat.
        Wobei mir gerade einfiel, dass selbst die Pollenallergie in gewisser Weise in einer Szene so ein bisschen plotrelevant ist. Mein Prota nimmt einen unangenehmen Geruch war, den er sich nicht erklären kann, würde, wenn er ihm nachgehen würde, auf etwas ziemlich Fieses stoßen, denkt sich dann aber "Hm, scheiße, meine Nase spielt jetzt schon komplett verrückt. *Taschentuch such*" xD.
        Das hat mit charakterischer Tiefe nichts zu tun, stimmt. Aber es ist einfach eine weitere, individuelle Charakter-Zuschreibung, und Dinge wie Pollenallergien oder wie Daves Handschuh-Zupfen finde ich eigentlich sogar sehr realistisch, weil es so Banalitäten sind, mit denen man sich schnell mal irgendwie identifizieren kann. Braucht man aber nicht unbedingt, ja (weiß gerade gar nicht, ob ich das noch drin behalten hab bei der letzten Überarbeitung ^^).

        Deinen Denkanstoß verstehe ich nicht ganz, gilt der mir? -- Ich habe nämlich nirgendwo geschrieben, dass Stärken, Schwächen, etc. nicht plotrelevant sein sollten, bzw. dass diese sich nicht auf den Plot auswirken würden ... Denn ich bin eher der Meinung, dass jeder Charakter mit all seinen Eigenschaften in irgendeiner Art und Weise den Plot beeinflusst, sobald er darin auftaucht und handelt und/oder mit anderen interagiert. Wobei ich zum "Plot" an dieser Stelle auch Roman-Aussagen zähle, nicht nur die Handlung an sich.

        Davebones, das stimmt, ich hab mich gerade ein bissl blöd ausgedrückt bzgl. Ticks, siehe was ich Maggi dazu schrieb
        Das mit den Ticks war nur eines von vielen Beispielen, was man Charakteren abseits irgendeines schweren traumatischen Erlebnisses o.ä. so alles anhängen kann, Dinge, die sie als Gesamtperson ausmachen. Neben sozialem Umfeld (Welche Kultur/Subkultur/Altersgruppe, inwiefern prägt das, was ist deren Ausrichtung?), Weltsichten (religiös, "mir egal", carpe diem, "alles doof", ... --> weshalb denkt er so), wie viel Macht besitzt er in seinem Umfeld und wie geht er damit um, also: Was prägt ihn wie und warum?
        Beispiel: Ich hab schon immer am Stadtrand gewohnt und häufig am Land Urlaub gemacht, weshalb mich das offenbar dahingehend geprägt hat, dass ich große Innenstädte nicht sonderlich toll finde (müsste ich als Charakter nun in ne graue Stadt ziehen, würd ich depressiv werden). Anderes Beispiel: Ich hatte früher Freunde, die mitunter sehr pathetisch gesprochen haben, weshalb ich anfangs beim Schreiben ebenfalls stark zu pathetischen Formulierungen neigte -- würd ich als Charakter nun auf diesen Formulierungen beharren, würde mein Roman wohl noch viel weniger veröffentlichungsreif sein, etc.) --> kommt nirgendwo n Trauma drin vor, kann aber den "Plot" beeinflussen.

      • Ankh
        Ankh kommentierte
        Kommentar bearbeiten
        Ich finde Ticks insofern ganz nützlich, dass sie schön individuelle Reaktionen auf bestimmte Gefühle zeigen können. Wenn der Forstmann immer an seinen Handschuhen zupft wenn er innerlich kocht wird, dann braucht man nach dem dritten Mal nur noch zu zeigen, dass er rumzupft, und der Leser weiß, aha, die Situation macht ihn wütend, auch wenn er gerade versucht, es zu verbergen. Stärken und Schwächen ersetzt das natürlich nicht, aber es ist viel besser, als immer auf so Standardgesten wie Strinrunzeln/Lippenbeißen/Rotwerden/... zurückzugreifen.

      • Mona
        Mona kommentierte
        Kommentar bearbeiten
        Ankh Genau, das ist auch ein netter Vorteil.

    • #6
      Aber Prota 2 hat z.b keine solche Erfahrungen gemacht und irgendwie widerspricht es mir, extra für Prota 2 einen solchen "Schicksalsschlag" auszudenken, damit er ihn im Buch überwinden kann oder darunter zerbircht Wobei prota 2 echt zu blass ist. Zusammenhänge KÖNNTEN da bestehen ..
      Nun ja, ohne fatal flaw hast du keinen inneren Plot, keine Charakterentwicklung. So etwas kann man machen. Solche Figuren gibt es. James Bond zu Beispiel. Aber James Bond funktioniert halt auf einer anderern Grundlage.
      Ich würde dir dazu raten, dich um Charakterentwicklung zu bemühen. Ohne bleibt ein Plot nämlich meistens irgendwie oberflächlich, ein Abenteuer ohne Konsequenz ohne emotionale Tiefe.

      Du solltest das ganze auch nicht als "extra" und "nur dafür" betrachten. Die innere Entwicklung ist mehr oder weniger die Message, die du mit deiner Story transportierst. Die Lektion, die die Figur lernt, ist auch die Lektion, die der Leser lernt. Das ganze ist also der Kern der Geschichte, nicht irgendetwas was du extra, im nachhineine noch draufpfropfen solltest.

      Kommentar


      • Davebones
        Davebones kommentierte
        Kommentar bearbeiten
        Ja, da habt ihr, alle, natürlich recht. Ich überlege auch die ganze Zeit, welche Charaktereigenschaft und Entwicklung ich Prota 2 zukommen lasse. Es gibt Potenzial. Er ist seit Jahrhunderten Forstmanne, wird von "normalen" Menschen gehasst oder, im besten falle, akzeptiert. Das könnte ich verwenden ... würde der Plot nicht zu 80% im Wald spielen, mit einer Forstfrau, die ihn nicht hasst.

      • In-Genius
        In-Genius kommentierte
        Kommentar bearbeiten
        Davebones Nur weil die Frostfrau ihn nicht hasst, heißt das noch lange nicht, dass er ihr das glaubt und die Beziehung zwischen den beiden reibungslos verläuft. Gerade wenn jemand seit Jahrhunderten gehasst wird, legt man das nicht einfach so ab. Es haben sich längst Reaktionsmuster etabliert, die man erstmal überwinden muss. Gewohnheiten sind schwer zu brechen.
        Hat er auch Jahrhunderte lang allein im Wald gelebt? Wenn ja, würde diese ewige Einsamkeit und die folgende Resozialisierung definitiv zu bestimmten Eigenschaften und Entwicklungen führen, die für das Miteinander der beiden relevant sind und die vielleicht auch die Sicht der Frostfrau verändern, wenn sie ihn als Mentor sieht und nun die Folgen ihres Traumes leibhaftig erlebt.

    • #7
      Davebones Ja, da könnte es duchaus einen Zusammenhang geben

      Ich finde auch nicht, dass jede Figur, die in einer Geschichte auftaucht, alle seine Schatten ablegen und sich grundlegend ändern muss. So radikal ändern sich Menschen auch im Wirklichen Leben nicht. Für einen Entwicklungsbogen reicht es mMn schon, wenn sich der Charakter dieser Seite irgendwann bewusst wird, und sie ggf in einem bestimmten Moment, wenn es nötig ist, mal zurückstecken kann. Zum Beispiel wird ein stiller, zurückhaltender Mensch nicht mal eben so zum Partykönig, nur damit er ne Entwicklung macht. Aber er könnte eben in einem kritischen Moment mal den Mund aufmachen und seine Meinung sagen, bevor er sich wieder zurückzieht, und insofern daran wachsen, dass er einsieht, dass das ab und zu einfach nötig ist, und er damit auch nicht unbedingt auf die Schnauze fallen muss (wie bei dem Ereignis, das in möglicherweise zu diesem Verhalten geprägt hat).

      ich kenn deine Figur ja nicht, aber sie sollte auf jeden Fall, um irgendwie rund zu wirken, auch negative Eigenschaften haben (wenn sie bisher keine hat, dann gib ihr welche). Und eine dieser negativen Eigenschaften ist bestimmt ein guter Ansatzpunkt, wo sie ein bisschen wachsen kann.
      If I could read your mind love
      What a tale your thoughts could tell
      Just like a paperback novel
      The kind the drugstore sells
      -- Gordon Lightfoot "If you could read my mind"

      Kommentar


      • #8
        Ich finde diese Vorgehensweise sehr sinnvoll. Für mein LP-Projekt hab ich das auch gemacht, weil ich wollte, dass die Figuren konsequent aufgebaut sind. Deswegen hab ich mich gefragt, wie war ihre Kindheit, welche wichtigen Ereignisse gab es, was wünschen sie sich, was fürchten sie und wie übersetzt sich das in Charaktereigenschaften. Das ist im Grunde ein ähnliches Vorgehen.

        Was ich ein bisschen vermisse sind die positiven Eigenschaften. Auch vor der Charakterentwicklung wird die Figur bereits positive Eigenschaften besitzen, denn niemand ist nur "schlecht". Und ich finde, diese sollten ebenso sinnvoll zur Figur passen wie die Ängste und Schwächen.

        Davebones Du musst gar nicht so groß denken wie Misshandlung. Natürlich erhöht das das Drama, aber es ist häufig unnötig. Ein Freund, der wegziehen musste, kann ebenso eine einschneidende Wunde sein. Das reine Sehen von tagtäglicher Ungerechtigkeit kann ebenso eine Wunde sein. Zu viele oder zu wenige Erwartungen (bei gleicher bedingungsloser Liebe) der Eltern an ihr Kind kann ebenso zu einer Wunde führen. Jeder Mensch hat einschneidende Erlebnisse, die zu seiner Narrative gehören: Dinge, die ihn als genau diesen Menschen geformt haben. Auch wenn dir das nicht prägend vorkommen mag, kann es sehr prägend sein.
        Und wenn es einer deiner Hauptprotagonisten ist, wird er/sie ja etwas durch das Abenteuer lernen bzw. überwinden. Ein Abenteuer führt dazu, dass man an seine Grenzen geht und über sich hinauswächst, jeder Mensch hat solche Grenzen, du musst sie in deiner Figur finden und sinnvoll verwurzeln.
        Ayo, my pen and paper cause a chain reaction
        to get your brain relaxin', the zany actin' maniac in action.
        A brainiac in fact, son, you mainly lack attraction.
        You look insanely whack when just a fraction of my tracks run.

        Kommentar


        • #9
          Und eine dieser negativen Eigenschaften ist bestimmt ein guter Ansatzpunkt, wo sie ein bisschen wachsen kann.
          Wachsen ist ein guter Ausdruck. Natürlich sollte man seine Figur nicht völlig umkrempeln.

          Und nur als extra Anmerkung, wie man mit Wunden und Character Arcs umgeht. Es gibt da tatsächlich verschiedene Optionen. Arcs unterscheidet man in flach, positiv, und negativ. Ein flacher Arc hat keine Entwicklung in irgendeine Richtung, ein positiver Arc läuft so wie oben beschrieben, ein negativer Arc ist die umkehr, als das erlangen von Wunde und Lüge.

          Man kann die einzeln benutzen, aber auch kombinieren: Also zum Beispiel erst negativ und dann positiv (Figur erlangt Lüge und wird sie wieder los) oder erst positiv und dann negativ (Figur überwindert ursprüngliche Lüge, erlangt dann aber eine neue) oder sogar positiv, negativ, positiv, oder negativ, positiv, negativ usw. Je nachdem, wie lange man das Spielchen spielen möchte.

          Hier sind die drei Grundtypen eines negativen Arcs erklärt.

          Auch vor der Charakterentwicklung wird die Figur bereits positive Eigenschaften besitzen, denn niemand ist nur "schlecht". Und ich finde, diese sollten ebenso sinnvoll zur Figur passen wie die Ängste und Schwächen.
          Das hast du absolut recht. Vermutlich sollte ich das noch hinzufügen, aber ich gehe jetzt erst mal Fussball gucken.

          Kommentar


          • #10
            Das ist ne super Methode, finde ich!
            Ich lese mir sowas ganz gerne durch, einfach um zu kontrollieren, ob meine Figuren wirklich so vielschichtig sind, wie ich dachte. Wenn ich dann merke, dass ich alles beachtet habe, bin ich immer ziemlich erleichtert

            Mir hilft es immer, mit dem Ziel der Figur anzufangen. Jeder Mensch hat Ziele, die er irgendwann erreichen will und auf die er hinarbeitet. Das ist mein Ausgangspunkt. Dann mache ich mir bewusst, was meiner Figur im Weg steht. Welcher Faktor hindert sie daran, ihr Ziel zu erreichen? Das können eigene Schwächen, andere Figuren oder sonstige äußere Umstände sein.

            Und danach stelle ich mir die gleichen Fragen, die du beschrieben hast. Welche Ereignisse haben meine Figur geprägt? Wie sind ihre familiären Verhältnisse? Was kann sie besonders gut, was kann sie für ihre Ziele nutzen? Woran glaubt sie? Und dann kommen Feinheiten wie Kleidungsstil, Aussehen, Bildungsgrad, Eigenarten, der Blick auf andere Menschen usw. Je mehr ich mir überlege, desto vielschichtiger wird die Figur. Aber am Anfang steht immer die Frage: Wer bist du, was sind deine Ziele und träume und wie willst du sie erreichen?

            Kommentar


            • #11
              Mit Ankh habe ich diese Vorgehensweise erst kürzlich besprochen, deswegen ist es mir nicht völlig neu. Dennoch mal interessant aus einer zweiten Perspektive zu lesen - und seltsamerweise denke ich gerade das erste Mal darüber nach, wie sich das auf meine Protas anwenden lässt. Da ich ja nicht im Anfangsstadium bin, muss ich da auch nicht plotten, sondern mich erstmal nur fragen, was wo liegt.

              Bei manchen Charakteren fällt es mir sehr leicht. Bei anderen stocke ich allerdings. Zum Beispiel - für wer ihn kennt - Parletton. Wunde wäre vermutlich die sehr schlechten Erfahrungen aus seinem Elternhaus (Gewalt in der Familie). Die Verhaltensweisen, die er daraus zieht, würde ich allerdings nicht als negativ bewerten: Er hat im Gegensatz zu seinen Kollegen ein großes Problem damit, Frauen zu schlagen. Erstens. Zweitens kann er es nicht haben, wenn Kinder geschlagen werden. Drittens zuckt er bei Vergewaltigungen zurück. Es kann doch jetzt aber kaum Sinn und Zweck sein, all das zu beheben, oder? Was wäre das für ein Bogen, wenn ich aus ihm einen Mann mache, der Frauen vergewaltigt und Kinder schlägt?
              Die andere Verhaltensweise, die daraus resultiert ist sein hoher Alkoholkonsum. Okay, keine gute Eigenschaft. Aber daraus einen Bogen zu spinnen, den er überwinden muss, finde ich irgendwie auch lachhaft. Zwischen Krieg und Totschlag ist seine einzige Entwicklung, weniger zu trinken. Mje.



              Andere Frage, in Bezug auf einen anderen Charakter. Mitunter legen diese Arcs ja bereits vor, in welche Richtung die Entwicklung gehen soll. Jemand, der aufgrund seiner Wunde kein Vertrauen mehr fasst, soll am Ende einen besten Freund oder einen zuverlässigen Geliebten finden. Darauf spekuliert der Leser.
              Was denkt ihr aber über einen Arc, bei dem man eben das nicht macht? Was passiert, wenn der Leser eine Befreiung aus der Wunde erwartet, man ihm diese aber nicht bietet? Man muss ja nicht jeden Charakter über sich hinauswachsen lassen (v.a. wenn man viele Protagonisten hat) - aber ich frage mich, welchen Effekt das am Ende des Romans hat und ob das irgendwie funktionieren kann?
              Derweilen ist auf dem Feld schon alles gewachsen, bevor die wussten, warum und wie genau es gedeiht. - Franziska Alber

              So nah, so fern.

              Kommentar


              • Kady
                Kady kommentierte
                Kommentar bearbeiten
                Er hat im Gegensatz zu seinen Kollegen ein großes Problem damit, Frauen zu schlagen. Erstens. Zweitens kann er es nicht haben, wenn Kinder geschlagen werden. Drittens zuckt er bei Vergewaltigungen zurück. Es kann doch jetzt aber kaum Sinn und Zweck sein, all das zu beheben, oder? Was wäre das für ein Bogen, wenn ich aus ihm einen Mann mache, der Frauen vergewaltigt und Kinder schlägt?
                Die andere Verhaltensweise, die daraus resultiert ist sein hoher Alkoholkonsum. Okay, keine gute Eigenschaft. Aber daraus einen Bogen zu spinnen, den er überwinden muss, finde ich irgendwie auch lachhaft. Zwischen Krieg und Totschlag ist seine einzige Entwicklung, weniger zu trinken. Mje.
                Je nachdem, wie die Geschichte aufgebaut ist, muss er ja auch nicht alles komplett ins Gegenteil verkehren, um eine Entwicklung zu zeigen.
                Bei dem erstgenannten wäre ja schon eine Entwicklung zu sehen, wenn er sein Verhalten auf solche Situationen verändert. Selbst wenn er Gewalt gegen Kinder und Frauen nicht ausstehen kann, heißt das ja nicht zwangsläufig, dass er auch eingreift, wenn er sie wahrnimmt. Vielleicht nimmt er sie anfangs nur zur Kenntnis, regt sich vielleicht darüber auf, geht aber nicht dazwischen. Das lässt sich ja dann weiterentwickeln, dass er es im Laufe der Geschichte dann eben doch tut.

                Auch, was den Alkoholkonsum angeht. Da ist es auch schon eine Entwicklung, wenn er selber an den Punkt kommt, an dem er feststellt, dass er einfach zu viel trinkt (Selbsterkenntnis und so). Meistens bewirkt das schon eine Entwicklung im Menschen, der ein Alkoholproblem hat (die meisten Alkoholiker leugnen es ja).

              • Gast-Avatar
                Gast kommentierte
                Kommentar bearbeiten
                Vielleicht sollten Parletton und Gustav mal einen Stammtischabend abhalten?!

              • Kelpie
                Kelpie kommentierte
                Kommentar bearbeiten
                Huch, ich sehe die ganzen Kommis erst jetzt o.O Danke magico, fürs ans Licht bringen. Und ja, so einen Stammtisch fände ich mal spannend xD Parletton wollte sich ja damals schon mit Lloyde anfreunden, aber der war ja dann so fies :/


                Mir fällt gerade auf, dass Parletton extrem eingeschränkt in seiner Entwicklung ist, weil er so stark zwischen friedvollen und gewaltbereiten Menschen steht und immer versuchen wird, bei beiden Gruppen die Achtung zu behalten. Das war mir vorher auch nicht so bewusst, ich habe ihn immer für sehr frei gehalten.
                Ich werde mal schauen, was da mit ihm auf mich zukommt. Bisher habe ich den Eindruck, er wird von Kapitel zu Kapitel infantiler - vielleicht schlägt da ja auch irgendwann noch eine Entwicklung ein. Ansonsten lass ich mich überraschen.
                Jetzt, wo ich darin bestärkt wurde, dass nicht jede Lüge aufgebrochen werden muss, sehe ich auch keinen zwingenden Anlass mehr, Parletton irgendwohin zu treiben.

            • #12
              Zitat von Maggi
              Ich bin kein großer Fan von "Ticks". Ich weiß, dass die in Schreibratgebern immer weider auftauchen, aber ich finde sie meistens nervig (obwohl dein Beispiel mich nicht stören würde) und außerdem finde ich nicht, dass Ticks ausreichen, um einer Figur Tiefe zu verleihen. Dinge, die nicht plotrelevant sind, sind für mich bestenfalls Beiwerk.Kann man haben, braucht man nicht unbedingt, schadet nichts, reicht aber auch nichts.
              Eine Pollenallergie sagt mir nichts darüber wie die Figur denkt und fühlt und das ist genau das, was ich unter "Tiefe" bei einer Figur verstehe. Eine Figur, deren Denken und Fühlen sich real anfühlt. Ticks helfen da nicht wirklich weiter.
              Nicht als Kritik verstehen: So etwas als Bonus kann gut funktionieren, aber reichen würde mir das nicht (Weder als Autor, der diese Figur schreibt, noch als Leser).

              Nur mal so als Denkanstoß: Wenn die Charaktereigenschaften der Figur, Ängste, Schwächen, Stärken, nicht plotrelevant sind, was hat diese Figur dann im Plot verloren? Die Figur mit ihren Eigenschaften bestimmt doch den Plot, wenn sie es nicht tut, ist sie ja völlig austauschbar und das kann nun wirklich nicht das Ziel sein.
              Ich finde auch, dass diese Ticks oft zu aufgesetzt wirken und machmal sogar nervig. Ich meine herauszulesen, dass sich der Autor in diesem Moment an den Schreibtipp erinnert hat, mit Ticks und Macken die Figur plastischer zu machen. Richtige Tiefe ist es für mich nicht, aber schöner Schmuck, wenn man es gut macht. Auch wenn sie nicht unbedingt zum Plot beitragen, geben sie vielleicht mit den anderen Eigenschaften der Figur ein rundes Bild.


              Die einzigen Menschen, die mich interessieren, sind die Verrückten,
              die verrückt leben, verrückt reden und alles auf einmal wollen,
              die nie gähnen oder Phrasen dreschen, sondern wie römische Lichter
              die ganze Nacht lang brennen, brennen, brennen.

              Jack Kerouac

              Kommentar


              • #13
                Die andere Verhaltensweise, die daraus resultiert ist sein hoher Alkoholkonsum. Okay, keine gute Eigenschaft. Aber daraus einen Bogen zu spinnen, den er überwinden muss, finde ich irgendwie auch lachhaft. Zwischen Krieg und Totschlag ist seine einzige Entwicklung, weniger zu trinken. Mje.
                Findest du? Ich finde das gar nicht lachhaft, wenn man der Sache richtig auf die Spur geht. Hoher Alkoholkonsum ist destruktiv, selbstzerstörerisch, als könntest du nachforschen, warum er das Bedürfnis hat, sich selbst Schaden zu zu führen. Will er sich vielleicht selbst bestrafen? Wofür? Oder ist er sich selbst so egal? Warum? Das wäre auf jedenfall gutes Material. Er müsste lernen, sich selbst zu lieben, sich selbst zu schätzen.
                Außerdem betäubt Alkohol, ist eine Flucht vor Problemen, mit denen man sich nicht auseinandersetzten will oder kann. Auch hier hättest du einen Ansatzpunkt: Er muss lernen, sich negativen Emotionen zu stellen, anstatt sie zu unterdrücken.

                Das ist doch schon ganz schon heftiger Tobak und gar nicht lachhaft.

                Kommentar


                • #14
                  Bei manchen Charakteren fällt es mir sehr leicht. Bei anderen stocke ich allerdings. Zum Beispiel - für wer ihn kennt - Parletton. Wunde wäre vermutlich die sehr schlechten Erfahrungen aus seinem Elternhaus (Gewalt in der Familie). Die Verhaltensweisen, die er daraus zieht, würde ich allerdings nicht als negativ bewerten: Er hat im Gegensatz zu seinen Kollegen ein großes Problem damit, Frauen zu schlagen. Erstens. Zweitens kann er es nicht haben, wenn Kinder geschlagen werden. Drittens zuckt er bei Vergewaltigungen zurück. Es kann doch jetzt aber kaum Sinn und Zweck sein, all das zu beheben, oder? Was wäre das für ein Bogen, wenn ich aus ihm einen Mann mache, der Frauen vergewaltigt und Kinder schlägt?
                  Die andere Verhaltensweise, die daraus resultiert ist sein hoher Alkoholkonsum. Okay, keine gute Eigenschaft. Aber daraus einen Bogen zu spinnen, den er überwinden muss, finde ich irgendwie auch lachhaft. Zwischen Krieg und Totschlag ist seine einzige Entwicklung, weniger zu trinken. Mje.
                  Zunächstmal ist Parletton ja auch nicht dein Hauptprotagonist, von daher ist es nicht zwingend, dass er eine Entwicklung durchmacht, die sich am Ende in einer höheren Erkenntnis auflöst. Ich könnte mir bei ihm aber durchaus vorstellen, dass er an der Bekanntschaft mit Saloga und/ oder Tenar wächst, indem an an ihnen Eigenschaften beobachtet, die er entweder übernimmt oder im Gegenteil so stark ablehnt, dass er sich in die gegenteilige Richtung entwickelt. Vielleicht wird er gütiger, vielleicht erweitert sich sein Horizont über "saufen und plündern" hinaus, sodass er seine Kräfte für höhere Ziele einsetzt. Vielleicht ist er auch einfach eine Figur, die dadurch, dass er gleichbleibt, einer anderen Figur Halt gibt und ihr Abdriften in eine negative Entwicklung aufzuhalten vermag, oder sich gar für sie opfert. Wie oben beschrieben wäre es auch durchaus schon eine wichtige Entwicklung, wenn er es schafft, seinem Impuls in einer bestimmten Situation zu saufen unterdrückt, weil er weiß, dass er seine Aufgabe besoffen nicht mehr erfüllen kann, und so seine persönliche Schwachstelle temporär überwindet, weil er erkennt, dass es wichtigeres gibt.
                  If I could read your mind love
                  What a tale your thoughts could tell
                  Just like a paperback novel
                  The kind the drugstore sells
                  -- Gordon Lightfoot "If you could read my mind"

                  Kommentar


                  • Mona
                    Mona kommentierte
                    Kommentar bearbeiten
                    Vielleicht ist er auch einfach eine Figur, die dadurch, dass er gleichbleibt, einer anderen Figur Halt gibt und ihr Abdriften in eine negative Entwicklung aufzuhalten vermag
                    Stimmt, das sehe ich auch so, und so konstante Figuren finde ich da auch recht angenehm.

                • #15
                  Zitat von Kelpie Beitrag anzeigen
                  Die andere Verhaltensweise, die daraus resultiert ist sein hoher Alkoholkonsum. Okay, keine gute Eigenschaft. Aber daraus einen Bogen zu spinnen, den er überwinden muss, finde ich irgendwie auch lachhaft. Zwischen Krieg und Totschlag ist seine einzige Entwicklung, weniger zu trinken. Mje.
                  Das muss man erst mal schaffen

                  Ich finde es übrigens gerade interessant, wenn man ein sehr heftiges Grundthema hat, wie z.B. Krieg oder dass jemand in einer sehr gewaltbereiten Umgebung lebt, wo getötet und vergewaltigt wird, und die Hauptperson muss sich mit einem scheinbar harmlosen Konflikt herumschlagen. Also, ich finde das schon gut. Ich würde gerne erfahren, ob er es schafft.

                  Kommentar


                  • Ankh
                    Ankh kommentierte
                    Kommentar bearbeiten
                    Ich denke, die größte Schwierigkeit dürfte hier sein, dass er den Alk überhaupt erstmal als Problem wahrnimmt. Im Angesicht viel größerer Probleme dürfte sich dieses sehr leicht gedanklich von ihm beiseiteschieben oder als nichtig erklären lassen.

                  • Amilyn
                    Amilyn kommentierte
                    Kommentar bearbeiten
                    Ankh Find ich auch geil
                    Ich mag diese ganz leisen Probleme, die man nicht kommen sieht und die einen plötzlich von hinten erschlagen. Wenn er es nämlich gar nicht erst als Problem wahrnimmt, überrennt es ihn irgendwann, und der Alkohol wird zu einer viel größeren Sache als z.B. der Krieg, der im Grunde ja sehr berechenbar ist. Im Krieg weiß man immerhin, was man zu tun hat.

                  • Kelpie
                    Kelpie kommentierte
                    Kommentar bearbeiten
                    Ich finde die Sache ja an sich lustig und so ... aber in dem Moment beginnt man halt auch eine andere Geschichte zu erzählen. Bisher erzähle ich (aus Parlettons Sicht) die Geschichte von einem großen Krieg, in dem er eine entscheidende Rolle neben einer der Schlüsselfiguren einnimmt. Wenn ich das Alkoholthema zu sehr aufschnappe, dann erzähle ich die Geschichte von Parletton, der durch seinen Alkoholkonsum den Krieg aus den Augen verliert.
                    Wäre zwar auch eine tolle Idee, aber eben auch eine andere :/

                • #16
                  Findest du? Ich finde das gar nicht lachhaft, wenn man der Sache richtig auf die Spur geht. Hoher Alkoholkonsum ist destruktiv, selbstzerstörerisch, als könntest du nachforschen, warum er das Bedürfnis hat, sich selbst Schaden zu zu führen. Will er sich vielleicht selbst bestrafen? Wofür? Oder ist er sich selbst so egal? Warum? Das wäre auf jedenfall gutes Material. Er müsste lernen, sich selbst zu lieben, sich selbst zu schätzen.
                  Außerdem betäubt Alkohol, ist eine Flucht vor Problemen, mit denen man sich nicht auseinandersetzten will oder kann. Auch hier hättest du einen Ansatzpunkt: Er muss lernen, sich negativen Emotionen zu stellen, anstatt sie zu unterdrücken.
                  Aus der Sicht macht es tatsächlich mehr Sinn. Dass er sich selbst egal ist, trifft es schon ziemlich gut und auch das Verdrängen von schlechten Umständen. Okay, hast Recht, der Knackpunkt ist wahrscheinlich einfach nur, tiefer zu graben ^^'

                  Ich könnte mir bei ihm aber durchaus vorstellen, dass er an der Bekanntschaft mit Saloga und/ oder Tenar wächst, indem an an ihnen Eigenschaften beobachtet, die er entweder übernimmt oder im Gegenteil so stark ablehnt, dass er sich in die gegenteilige Richtung entwickelt. Vielleicht wird er gütiger, vielleicht erweitert sich sein Horizont über "saufen und plündern" hinaus, sodass er seine Kräfte für höhere Ziele einsetzt. Vielleicht ist er auch einfach eine Figur, die dadurch, dass er gleichbleibt, einer anderen Figur Halt gibt und ihr Abdriften in eine negative Entwicklung aufzuhalten vermag, oder sich gar für sie opfert. Wie oben beschrieben wäre es auch durchaus schon eine wichtige Entwicklung, wenn er es schafft, seinem Impuls in einer bestimmten Situation zu saufen unterdrückt, weil er weiß, dass er seine Aufgabe besoffen nicht mehr erfüllen kann, und so seine persönliche Schwachstelle temporär überwindet, weil er erkennt, dass es wichtigeres gibt.
                  Das mit dem Haltgeben triffst du auf den Punkt, Ankh, weil das tatsächlich seine wichtigste Aufgabe werden wird.
                  Bei der Sache mit Alkohol und Aufgaben ist er allerdings eh schon an dem Punkt, dass er nicht trinkt, wenn es gerade nicht passt, weil andere Aufgaben warten.



                  Aber gut, jetzt habe ich an dieser Stelle jede Menge Symptome, die meinen lieben Parletton regelrecht zerfleischt wirken lassen vor lauter Wunden xD Aber es war eigentlich nicht meine Intention, seinen Alkoholkomsum zu vermindern, weil er andere Probleme hat, die er bedenken muss, und es eigentlich auch keinen guten Grund gibt, warum er über das Problem nachdenkt (es sei denn, ich erschaffe einen).
                  Und da frage ich mich nun wie auch bei dem zweiten Protagonisten, den ich oben erwähnt habe: Was geschieht, wenn ich diesen Konflikt einfach nicht auflöse. Wenn Parletton auch am Ende der ganzen Romanreihe säuft, wenn er sich noch immer nicht selbst liebt und wenn er Übel verdrängt - haltet ihr sowas auch für denkbar oder macht es das Ganze unvollständig?

                  Ich denke halt nur, dass eine Romanfigur, wäre sie echt (wie sie ja wirken soll), auch nicht nach der letzten Seite zu existieren aufhört - ergo Wunde gehabt, Geschichte erzählt, Probleme besiegt. Das Leben würde ja weitergehen. Und einen ganz heilen Menschen wird man im Leben vermutlich nie bekommen ...
                  Derweilen ist auf dem Feld schon alles gewachsen, bevor die wussten, warum und wie genau es gedeiht. - Franziska Alber

                  So nah, so fern.

                  Kommentar


                  • #17
                    Und da frage ich mich nun wie auch bei dem zweiten Protagonisten, den ich oben erwähnt habe: Was geschieht, wenn ich diesen Konflikt einfach nicht auflöse. Wenn Parletton auch am Ende der ganzen Romanreihe säuft, wenn er sich noch immer nicht selbst liebt und wenn er Übel verdrängt - haltet ihr sowas auch für denkbar oder macht es das Ganze unvollständig?
                    Ne, das geht schon. Das ist dann halt ein negativer Arc. Wichtig finde ich nur, dass er a) eine Wunde hat und das er b) dagegen, oder besser damit, kämpft. Ob er erfolgreich ist oder nicht, ist gar nicht so wichtig. Das kommt darauf an, welche Art von Roman du haben möchtest. Eher düster, oder eher hoffnungsfroh.
                    Ein Sieg muss ja auch nicht immer in der kompletten Bewältigung des Problems und des Verschwindens jeder Schwäche und jeder Angst sein. Auch ein erster Schritt auf einem langen Weg in die richtige Richtung kann schon der Abschluss eines Arcs sein.

                    Kommentar


                    • Kelpie
                      Kelpie kommentierte
                      Kommentar bearbeiten
                      Und dieser Kampf kann auch unbewusst sein, oder?

                    • In-Genius
                      In-Genius kommentierte
                      Kommentar bearbeiten
                      Die meisten inneren Kämpfe fangen unterbewusst an, bis man mit der Nase drauffällt, dass man ein Problem hat.

                    • Maggi
                      Maggi kommentierte
                      Kommentar bearbeiten
                      So wie In-Genius das gesagt hat, würde ich es auch empfehlen. Zumindest aber für den Leser sollte es ersichtlich sein, dass da jemand mit sich selbst ringt. Schon alleine, weil das Figuren menschlich macht und Identifikations- und Empathiepotential bietet.

                  • #18
                    Es ist eine Methode, aber auch sehr schematisch. Manchmal ist ein Held auch jemand, der nicht aus einer Verwunderung heraushandelt, sondern weil es sein Beruf ist. Reicht es in einem Kriminalroman nicht aus, wenn der Kommissar ein Rätsel lösen will und dafür ungewöhnliche Methoden anwendet? Wäre im Endeffekt auch glaubwürdiger.

                    Ich mag den Begriff Lüge nicht. Nicht jede Fehleinschätzung ist eine Lüge, weil Lüge den Vorsatz voraussetzt.

                    Die Steckbriefmethode funktioniert tatsächlich nicht.

                    Kommentar


                    • In-Genius
                      In-Genius kommentierte
                      Kommentar bearbeiten
                      Ich finde den Begriff der Lüge ziemlich passend. Es geht ja um die Weltansicht, die das problemhafte Verhalten rechtfertigt. Es ist nicht bewusst, aber man hat sich eine Weltansicht erschaffen und hält daran fest, weil man sich nicht mit dem problemhaften Verhalten und den Verletzungen auseinandersetzen will. Das hat durchaus was absichtliches.

                    • Kelpie
                      Kelpie kommentierte
                      Kommentar bearbeiten
                      Dodo, Parletton hat mit einer Menge Narben zu kämpfen und muss auch danach noch einige Dinge erleben (die ich ihm lieber ersparen würde *heul*). Aber es ist wichtig, dass er der ruhende Pol bleibt und der Draht zwischen zwei Parteien. Wenn ich ihn mit so einem Problem wie dem Alkohol destabilisiere, dann bekomme ich ein Problem in meinem Plot :/

                    • Milch
                      Milch kommentierte
                      Kommentar bearbeiten
                      In-Genius Machen wir das nicht irgendwie alle? Es muss ja nicht immer problemhaftes Verhalten vorliegen. Ich mag die Sichtweise Ehrlich, aber gnädig.

                  • #19
                    Reicht es in einem Kriminalroman nicht aus, wenn der Kommissar ein Rätsel lösen will und dafür ungewöhnliche Methoden anwendet? Wäre im Endeffekt auch glaubwürdiger.
                    Wie gesagt, dass geht schon. Gerade bei solchen Romanen. Aber es gibt auch viele Thriller und Krimis die neben dem Handlungsplot noch einen Charakterplot haben. Außerdem sollte ja auch eine Figur ohne Entwicklung kein völlig unbeschriebenes Blatt sein. Wie Ereignisse der Vergangenheit das Handeln und Fühlen der Figur prägen, sollte man sich so oder so überlegen. Finde ich.
                    Zuletzt geändert von Maggi; 11-11-2016, 23:06.

                    Kommentar


                    • #20
                      Die Methode finde ich interessant. Besonders da ich feststelle, dass meine Charaktere alle sowas haben, ich aber ganz woanders mit der Charakterentwicklung anfange und diese Punkte erst sehr spät einfließen.
                      Ich habe den Punkten deshalb auch nie so viel Stellenwert eingeräumt, aber ich verstehe vollkommen, warum sie wirklich wichtig sind um einen Charakter zu formen.

                      Die Punkte müssen meiner Meinung nach auch nicht wichitg für den Plot sein, aber sie machen einen Charakter einfach komplexer und nachvollziehbarer, wenn man sich derer bewusst wird.

                      Kommentar

                      Lädt...
                      X
                      Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen zu Cookies erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung