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    Andere Medien

    Ich sitze gerade zwischen zwei Fällen an einer Szene, in der die Wahrnehmung der Figur verzerrt wird. Gedanklich bin ich da beim Dolly-Zoom-Effekt, wie ihn Meister Hitchcock z B in Vertigo angewendet hat, und grübelte eine Weile, wie das in Buchstaben umwandeln kann.

    Wie sehr lasst Ihr Euch von anderen Medien - Radio/Podcast/Musik/Film/Serien/Hörspiel/Erzählen usw - beim Schreiben beeinflussen?
    Macht Ihr Euch Gedanken, wie Euer Lieblingsmedium (neben dem Buch) Stimmungen, Inhalt, Setting, Aussehen übermittelt und versucht Ihr, diese Mittel und/oder Erzählweisen in Euer Schreiben zu übertragen?
    Auf welche Medien greift Ihr zurück? Wie erweitert Ihr Euren Schreibhorizont?

    #2
    Jedes Medium hat seine Gesetze, man kann nicht Eins zu Eins von einem Medium etwas in ein anderes Medium übernehmen.
    Beim Dolly-Zoom-Effekt kann man genauer mit seinen Beobachtungen werden. Man kann plötzlich Details erkennen, die vorher noch nicht da sind, man nimmt feineres wahr. Aber das wird nicht den Eindruck machen und die Faszination ausüben, wie wenn du dich auf die Mittel der Literatur konzentrierst, beispielsweise auf den Sprachrhythmus, Metaphern und so weiter.

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    • Dodo
      Dodo kommentierte
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      Ich rede ja auch nicht von einem 1:1-Kopieren. Dass das nicht geht, sollte klar sein. Es geht mir um das Umwandeln von Effekten.
      Metaphern und andere rhetorische Mittel sind nicht auf Literatur begrenzt. Was ist einzigartig an einem Buch bzw der Literatur?

    • Milch
      Milch kommentierte
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      Literatur erzeugt mit Sprache ein Gefühl, Filme mit bewegten Bildern, Musik und Sprache, Comics mit Bildern und Worten. Detaillierte Actionszenen wirken in Comics und Filmen spannend und gut, bei Büchern eher nicht so. Man soll die Stärken nutzen und sie ausspielen.
      Tenet dürfte beispielsweise nur als Film atemberaubend gewesen sein, weil die Idee ganz aufs Filmische angelegt war.

      Unterschiedliche Medien wirken anders auf uns, haben andere Herausforderungen.
      Wenn eine Figur innerhalb eines Romans unmotiviert ihre Haarfarbe ändert, bekommen es viele nicht mit, sofern die Haarfarbe nicht so oft wiederholt, dass man sie sich eingeprägt hat. Im Film fällt es auf.
      Und wenn da steht, dass sich zwei Personen auf eine Hollywoodschaukel setzen, muss der Leser wissen, was eine Hollywoodschaukel ist, sonst stellt er sich etwas anderes vor. Im Film bekommt das eindeutige Bild. Man muss nicht wissen, was eine Hollywoodschaukel ist. Oder was ein Acapulco-Stuhl ist?
      Zuletzt geändert von Milch; 06.07.2022, 00:47.

    #3
    Ich glaube, jedes Medium hat seine Vorteile, die ein anderes nicht ausnutzen kann. Filme/Serien/Graphic Novels/Comics/Theater usw. entheben einen zB der Notwendigkeit, das Aussehen von Figuren zu beschreiben zu beschreiben.Filme und Serien und Theater erlauben auch, den Tonfall wiederzugeben. Comics und Graphic Novels erlauben ein wunderbar subtiles Foreshadowing und einen Blick auf Details, die in einem Film stören würden und in einem Buch langweilig wirken würden. Dafür kann das geschriebene Wort wunderbar das Innenleben und die Gedanken einer Figur wiedergeben, was in anderen Medien nur als Voice-over oder gar nicht möglich wäre. Und so weiter.

    So richtig gute Tipps zum Erweitern des Schreibhorizonts habe ich nicht. Was ich manchmal gerne mache ist, als Übung eine Szene zu einem durch visuelle Medien etablierten Setting (Film oder Game) zu schreiben, also quasi Fanfiction, aber Fanfiction-untypisch nicht das Setting als "gegeben und bekannt" anzunehmen sondern es beschreiben zu müssen. Ohne Infodumping.
    Hm, sollte ich vielleicht mal wieder machen. Schreibübungen sind wichtig.
    Always avoid alliteration.

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    • Dodo
      Dodo kommentierte
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      Genau so etwas wie das Voice Over sehe ich als Mittel des Films oder Hörspiels, dieses vermeintliche Monopol des Buchs in ein anderes Medium zu holen.
      Ich glaube, dass man z B den Dolly-Zoom-Effekt in Worte fassen kann. Die Frage ist, was man als führende Wirkung herausarbeitet. Das verzerrte Sehen oder doch eher das Schwindelgefühl? Oder etwas, was ich sonst noch damit assoziiere? Welchen Höreindruck hat man dabei? Oder bekommt man eine Parallele durch Buchsatz hin? Einem Walter Moers würde ich das zutrauen.

    • Milch
      Milch kommentierte
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      Voice over ist bei vielen Filmemachern nicht gut angesehen.

    • Alys II.
      Alys II. kommentierte
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      Dodo Moers arbeitet ja auch bewusst damit, dass er die klassische Erzählform verlässt. Seine Illustrationen machen einen großen Teil der Bücher aus, oder man denke an die Mythemetz'sche Abschweifung ... Das kann man beides analog zum Film sehen, es wird der Visus mit einbezogen und die vierte Wand wird durchbrochen.
      Sowas wie Dolly-Zoom kann man vielleicht dadurch "erzählen", dass ein Charakter seine Umgebung nicht so wahrnimmt, wie andere Leute es tun. Ich meine jetzt nicht in Richtung Halluzinationen, sondern dass man zeigt, dass ein Char die Umgebung und Situation völlig anders empfindet, als man es als "normal" und "angemessen" sehen würde. Quasi die optische Verzerrung des Dolly-Zooms auf emotionaler Ebene ausformuliert.
      "Und da stand er auf dem Marienplatz, zwischen den Imbissbuden und Marktständen, dem Lachen der spielenden Kinder und dem Rufen der Marktleute, umgeben von Trubel und Heiterkeit der Vorweihnachtszeit. Umgeben von Leben und dabei einsamer als je zuvor."
      Nicht, dass ich diese Beispielsätze jetzt für besonders künstlerisch wertvoll halte, aber ich würde, glaube ich, eher die emotionale Verzerrung schildern als einen Sinn herauszugreifen und dessen Verzerrung zu schildern. (Es sei den, man hat vielleicht vorher schon in der Geschichte damit gearbeitet, Sinne gezielt zu verfremden. Wenn etabliert ist, dass der Char immer alles in Blautönen sieht, sobald er traurig ist, dann kann man das auch nutzen. "Er blickte auf das gekaufte Geschenk und sah hilflos zu, wie die Farbe über die Verpackung kroch. Zuerst das Geschenkpapier, dann auch die Schleife, und zuletzt auch der Anhänger, blau wie Tinte.")

    #4
    Ich habe mich ein bisschen mit Dingen wie Schnitt und Einstellungen im Film beschäftigt, und sicher, man kann da einiges übertragen. Wobei ich jetzt nicht so daran gehen würde, dass ich mir überlege, "wie setze ich einen Dolly Zoom im Text um?" sondern mir überlege, welchen Effekt dieser Dolly Zoom im Film erzielen soll und wie ich einen ähnlichen Effekt durch Sprache erzielen kann. Das hat mit dem filmischen Handwerk nicht mehr viel zu tun, sondern mit dem Verständnis für die inneren Wahrnehmungen der Figur, für die die Filmtechnik ja auch nur ein symbolisches Stand-in oder höchstens eine Annäherung ist. Du kannst im Film nicht so leicht zeigen "ihr war schwindelig", aber du kannst es ganz einfach im Text schreiben, oder auch ausführlicher umschreiben, und zwar mit viel mehr involvierten Sinnen als nur dem visuellen.

    Die Frage ist nicht immer, ob man etwas übertragen kann, sondern ob man es tun sollte. Als ganz einfaches Beispiel seien Perspektivwechsel genannt; während die im Film rapide wechseln können, weil es vorwiegend ein visuelles Medium ist, wirken sie im Text eher befremdlich, weil man da doch zumeist tiefer in einer Figur steckt, und somit nicht einfach nur einen Cut zwischen den Sichtlinien der einzelnen Figuren macht, sondern im Grunde ihre ganze Gedankenwelt abschneidet und in die nächste springt. Während es bei einem Filmdialog ganz natürlich wirkt, jeweils den Sprechenden zu zeigen, wäre es im Roman extrem unpassend, jede Dialogzeile aus der Sicht des Sprechers oder sogar des Gegenübers zu beschreiben.

    Auf der anderen Seite gibt es natürlich filmwissenschaftliche Erkenntnisse, mit denen man durchaus auch im Textmedium spielen kann, wie z.B. den Kuleshov-Effekt.
    Poems are never finished.
    Just abandoned.

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    • Dodo
      Dodo kommentierte
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      Das (nicht-auktoriale) Headhopping finde ich inzwischen ein probates Mittel, warum sollte man es nicht machen? Ist alles eine Frage der Lesegewohnheit. Ich lese es häufiger bei heutigen Romanen, hauptsächlich amerikanischen. Beim ersten Mal habe ich mir den Kopf gekratzt und gedacht, ob es ein Perspektivfehler sei, aber dann flutschte es. Wichtig ist nur, wie bei allem, dass es gut gemacht wird. Von Dialogzeile zu Dialogzeile wäre auch mE nicht sonderlich gelungen, außer beim auktorialen Erzähler (und den finde ich doof).

      Ich halte mich für absolut geprägt durch die (westliche) Filmerzählweise und denke, wir alle haben kein Problem mit der Übernahme des Zoomens von der Totalen bis zum Close-up. Das Dolly-Zoom-Beispiel kommt daher, dass ich fand, der Filmeffekt beschreibt das Gefühl ausgesprochen treffend. Und tatsächlich ist er nicht nur visuell, er geht über Sinneskonflikte hinaus – bis in die Symptomatik eines neuropsychiatrischen Ausnahmezustandes – und spielt mit unserer Erfahrungswelt. Etwas, das ich gern im Text spiegeln möchte, weil es über "ihm wird schwindlig" hinausgeht. "Es riss ihm den Boden unter den Füßen weg" kommt schon näher, ist aber auch nicht mehr sonderlich originell. Deshalb überlegte ich mir, wie sich eine Dolly-Zoom-Situation wohl anfühlt; verzerrte Wahrnehmung in dem Ausmaß ist ja nicht alltäglich. Und das "Gefühl" kann man dann in Worte packen. Am schwierigsten finde ich, es kurz zu machen, ich feile noch daran und weß nicht, ob es gut werden wird. Aber es zu versuchen, ist der halbe Weg. Vielleicht finde ich unterwegs noch etwas treffenderes.

    #5
    Uh, sehr spannende Frage

    In der Literaturwissenschaft gibt es den Begriff "filmisches Erzählen", was in die Kategorie Intermedialität fällt. Schriftsteller*innen des 20. Jahrhunderts haben sich sehr stark von dem neuen Medium Film inspirieren lassen, was man sehr gut bei James Joyce, Dos Passos und Kawabata Yasunari sehen kann.
    Es kommt beim Einsetzen von filmischen Mitteln in sprachlicher Form natürlich nicht zu einer 1:1 Übertragung, allerdings kann man recht viel vom Film (und sicherlich auch von anderen Medien) lernen, wenn man sich Gedanken dazu macht, wie man eine Wirkung übertragen könnte.

    Wie sehr lasst Ihr Euch von anderen Medien - Radio/Podcast/Musik/Film/Serien/Hörspiel/Erzählen usw - beim Schreiben beeinflussen?
    Ich denke nicht, dass ich es explizit mache, aber manchmal, wenn ich etwas lese oder höre und etwas interessant finde; dann mache ich mir Gedanken dazu, wie ich das festhalten könnte.

    Macht Ihr Euch Gedanken, wie Euer Lieblingsmedium (neben dem Buch) Stimmungen, Inhalt, Setting, Aussehen übermittelt und versucht Ihr, diese Mittel und/oder Erzählweisen in Euer Schreiben zu übertragen?
    Ja, das tue ich definitiv. Ich habe auch einige Film-Seminare belegt, um "richtig" darüber reden zu können, weil ich das so Interessant finde. Gerade durch Horrorfilme kann man z.B. richtig gut lernen, wie eine gruselige Atmosphäre vermittelt werden könnte.

    Auf welche Medien greift Ihr zurück? Wie erweitert Ihr Euren Schreibhorizont?
    Bei mir sind es hauptsächlich Film und Hörbücher / Podcasts. Größtenteils interessieren mich hier die Vermittlung von Atmosphäre, Dialoge, die Charakterisierung von Figuren und das Zeigen von Settings.
    Wie das meinen Schreibhorizont erweitert, weiß ich nicht genau. Wahrscheinlich hilft es mir meinen Schreibhorizont zu erweitern, wenn ich mir ganz bewusst über bestimmte Dinge Gedanken mache. Wie z.B. "wie kann ich eine Art von Kamera-Effekt nachmachen, um in mein Setting einzuführen" oder Ähnliches.

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