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Rassismus, Stereotypen, Gewalt und Co.

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    Rassismus, Stereotypen, Gewalt und Co.

    Hallo,

    in Zeiten von Metoo, Black Live Matter und vielem sonst, denke ich derzeit intensiver nach wenn mir Ideen für eine Geschichte kommen.

    Bin ich ein Rassist weil meine Hauptfiguren helle Haut haben? Bin ich Rassist weil mein Militärcharakter Afro-Amerikaner ist, obwohl ich Weiß bin und ja nicht wissen kann wie ein dunkelhäutiger ist? Oder ist das dann doch nur ein Stereotyp? Darf ich in meiner Geschichte nicht mehr erwähnen das eine Sklavin bei ihrer Herrin blieb? Die Herrin darf nicht gut zur Sklavin sein? Ist mein Charakter schon ein Vergewaltiger weil er seine Freundin etwas fester aufs Sofa drückt? Diskriminiere ich Personen weil mein Charakter eine sehr füllige Figur hat und es ja dutzende von Körperformen gibt?

    Mann kann heute für jedes Wort, selbst wenn es gut gemeint ist, sofort rausgeworfen werden. Bücher werden umgeschrieben, weil sie z.B. die Sklaverei verherrlichen. Preise werden aberkannt weil "Hinweise auf rassistische Stereotypen festgestellt worden waren" (Laura Ingalls Wilder).

    Wie geht Ihr damit um?
    Ich habe schon manche Szene gelöscht weil andere es vielleicht missverstanden hätten. Es ist eben die Angst als etwas abgestempelt zu werden was ich gar nicht bin.

    Viele Grüße

    #2
    Meine Meinung zu dem Thema:

    Es ist gut, sich darüber Gedanken zu machen. Ich finde es aber sehr problematisch, wenn das ständige Argwöhnen während kreativer Schaffensprozesse zu Verkrampfungen und letztlich zu Unfreiheit führt. Überprüfen der eigenen Haltung im Alltag auf rassistische Stereotype, die einem vielleicht gar nicht bewusst sind, ist enorm wichtig und dringend nötig! Aber beim Schreiben, finde ich, möchte ich meine Kreativität nicht bremsen müssen. Da möchte ich wie ein Kind sein - naiv (in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes von „unverformt“). Kinder werden nicht rassistisch geboren. Diesen Zustand (wieder-)zuerlangen halte ich für sehr erstrebenswert. Ein Zustand, der frei ist von Vorurteilen und Stereotypen. Und wenn sich dann doch etwas Rassistisches eingeschlichen hat, lässt es sich mit dieser Einstellung doch leicht erkennen. Dann kann und sollte dies während des Überarbeitungsprozesses verändert werden. Wobei Rassismus immer etwas mit Kalkül, basierend auf Vorurteilen zu tun hat. Wenn bestimmte Konstellationen, wie du sie geschildert hast, auf Zufällen beruhen, ist das in meinen Augen kein Rassismus.

    Kommentar


      #3
      Ich denke, man muss als Autor wissen, warum man wen wie wann in welcher Konstellation darstellt.
      Dazu muss man wissen, worüber man schreibt.
      Man kann nicht alles selbst erfahren, aber man kann recherchieren, fragen, gegenlesen lassen. Sensitivity Reading ist da sicher ein Stichwort.
      Einer der ersten Schritte ist, sich (als Weißer) nicht angegriffen zu fühlen und / oder "meine Freiheit" zu schreien, wenn man auf etwas, das einen (unterbewussten) Rassismus darstellt, hingewiesen wird. Wir sind rassistisch, und wenn wir es nicht sein wollen, müssen wir uns dem stellen. Ein Darüber nachdenken ist der erste Schritt. Recherche imA der nächste. Plot umwerfen, noch feinere Figurenzeichnung war bei mir der übernächste.
      Es gibt BIPoC, die die Meinung vertreten, Weiße dürften nicht über Rassismus oder nicht-weiße Personen schreiben, andere begrüßen es, sofern es mit spürbarer Sensibilität geschieht. Ich verstehe viele Argumente der ersten Fraktion. Jemand, der sensible Themen kapert und als Vehikel für das Profilieren und Promoten des eigenen Gutmenschentums verwendet, ist sicherlich auch niemand, der dem brutalen Thema (brutal für Nicht-Weiße) gerecht wird.
      Gleichzeitig bin ich froh für den Optimismus der zweiten.
      Es ist eine Gratwanderung für diejenigen unter uns (cis weiß hetero ...), die die Diversität unserer Welt in ihren Geschichten abbilden möchten. Ich kann nur für mich selbst sprechen, aber ich zähle mich dazu, und dank Victoria s unermüdlicher und für sie manchmal schwer erträglicher Lehrmomente, die sie mir geschenkt hat, fühle ich mich soweit, dass ich mich und mein Schreiben deutlich besser einschätzen und auch fürs Erste einigermaßen überprüfen kann. Mein Nicht-all-white-Cast würde in der Realität einen anderen Alltag erleben als ich, als priviligiertes Individuum, und das darf ich beim Schreiben nicht vergessen.
      Das ist meine Art, das Thema anzugehen. Ich möchte nicht für etwas abgestempelt werden, was ich bin, aber nicht sein möchte.

      Es ist sicher besser, Szenen zu löschen, wenn man selbst schon merkt, dass man die Möglichkeit des Missverständnisses nicht einmal für sich beseitigen kann.
      Ich habe jetzt Rassismus als Beispiel genannt, man kann es aber mE auf andere Menschen mit Diskriminations- und anderer Gewalterfahrung übertragen.

      Kommentar


        #4
        Bücher wie "The hate u give" kann ich nicht schreiben, aber dennoch sollte man das Rassismus als Nebenthema durchaus thematisieren, es sei durch kleinere Begebenheiten.

        Ansonsten sollte man schauen, ob man in Stereotype fällt. Sind in deinen Geschichten alle Schwarzen Menschen zufällig gute Sänger, aber niemand studierter Arzt. Wenn man ein Klischee bedient, entwickelt man bei der Person auch andere Eigenschaften, die dem Klischee entsprechen.
        Das meiste unterläuft einen, weil man keine Ahnung hat, es aber auch nicht in Frage stellt.

        Kommentar


          #5
          Ich denke, dass Unsicherheit etwas Gutes ist. Weil es anzeigt, dass man sich für Dinge sensibilisiert.
          In den letzten Jahren beginnen wir (ich betrachte vor allem den deutschsprachigen Bereich) darüber nachzudenken, was diskriminierend ist – beziehungsweise Diskriminierung wird langsam als Diskriminierung anerkannt. Wenn man sich vorher nicht damit beschäftigt hat, ist es ganz schön überwältigend. Es kann sich anfühlen, als dürfe man ja gar nichts mehr machen.

          Beispiel im Bereich Sexismus (was durch die#metoo-Debatte stärker in der Öffentlichkeit debattiert wurde):
          - viele Frauen sagen, dass sie es scheiße finden, von Vorgesetzen, Kollegen, Fremden usw. mit Mäuschen, Mädchen, Süße, Täubchen angesprochen zu werden
          - viele Frauen finden hinterherpfeifen und anzügliche Sprüche hinterherrufen scheiße
          - viele Frauen wollen nicht ungefragt betätschelt werden
          - es gibt Reaktionen von cis Männern, die besagen: "Wie soll man überhaupt noch flirten?" – "Man(n) darf ja gar nichts mehr machen!"

          So viele Regeln … wer blickt überhaupt noch durch?
          Wenn man einen Schritt zurücktritt, kann man erkennen, dass es um Augenhöhe, Respekt und Konsens geht. Und eigentlich sind es doch gar nicht mehr so viele Regeln, sondern etwas, was in den Grundrechten steht.

          So ist es in jedem Bereich. Egal ob Sexismus, Rassismus, Ableismus, Queerfeindlichkeit, Dickenfeindlichkeit, …


          Wie ich damit umgehe:
          1. Ich nehme erstmal Abstand von der Szene oder von der Romanfigur.
          2. Ich folge Aktivist*innen, die in diesen Bereichen aufklären, ich lese Artikel, ich schaue mir Videos an, ich höre Podcast
          3. Ich versuche zu verstehen, was den Menschen wichtig ist, über die ich schreiben will. Mit welchen Aussagen oder Wörtern entmenschliche ich sie? Worum geht es ihnen?
          4. Ich überlege, was ich mit meinem Roman aussagen möchte und wir es rüberkommt. (Um SilverMoons Beispiel mit der Herrin und der Sklavin zu nehmen: Wird meine Story als "Liebe kennt keine Grenzen" gelesen oder als White-Saviour-Narrative? Wenn die Herrin Schwarz ist und die Sklavin Weiß, wirkt es nach reverse racism? Denn nachdem ich Punkt 2 erledigt habe, werde ich viel über White Saviour und und reverse rasicm gehört haben.)
          5. Ich frage betroffene Personen, ob sie mir Feedback geben können; ob meine Intention so rüberkommt, wie ich will. Auch wenn ich aus Versehen rassistische Sachen schreibe, bin ich noch lange keine Rassistin. Sensitivity Reader wissen das, und sie werden mit dabei helfen, meinen Roman umzusetzen.
          6. Jetzt liegt es an meinem Schreibhandwerk. Es ist wir bei jedem anderen Thema. Wenn ich keine Klischees* schreiben will, aber am Ende doch Klischees herauskommen, liegt es an mir. Dann wiederhole ich Punkt 2–5.
          7. Ich fühle mich sicherer, weil ich mittlerweile weiß, was Klischees sind, wie sie funktionieren und wie ich mit ihnen umgehe. Ich schreibe die Szene von Punkt 1 noch einmal. Und ich hab hoffentlich so viel gelernt, dass es mich nicht in meiner Kreativität einschränkt, sondern mich herausfordert.
          * oder diskriminierende Aussagen
          Die einzigen Menschen, die mich interessieren, sind die Verrückten,
          die verrückt leben, verrückt reden und alles auf einmal wollen,
          die nie gähnen oder Phrasen dreschen, sondern wie römische Lichter
          die ganze Nacht lang brennen, brennen, brennen.

          Jack Kerouac

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          • Elementargeist
            Elementargeist kommentierte
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            Danke, Victoria, solche Beiträge sind es, die Klarheit schaffen und einen unverkrampften, verantwortungsvollen Umgang mit der Thematik ermöglichen! Vor allem auch deshalb, weil dein Ansatz frei von Unterstellungen und dadurch sehr konstruktiv ist.

          • Victoria
            Victoria kommentierte
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            Das freut mich sehr.

          #6
          Ich schreibe einen dystopischen Roman, der in einer nicht fernen Zukunft in einer rechten Diktatur in Deutschland spielt. Für mich ist das im Moment auch ein schwieriger Spagat, weil manche meiner Figuren eben abscheuliche Rassisten sind, wie das in einer rechten Diktatur leider so ist.
          Da verzweifele ich oft am Schreiben, weil das so schwierig ist. Einerseits müssen die Figuren auf den Leser ja abschreckend wirken, der Roman soll ja auch eine Warnung davor sein, wie furchtbar das Leben in einer solchen Diktatur wäre, andererseits fällt es mir nicht immer leicht, die Figuren so radikal rechts zu schreiben, wie sie für einen solchen Roman sein müssen.
          Da frage ich mich schon manchmal beim Schreiben, ist das rassistisch, wenn ich die Figuren für den Roman rassistisch schreiben muss, oder ist das in Ordnung, weil es eben auch abschreckend auf den Leser wirken soll? Wie würdet ihr das in so einem Fall machen?

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          • weltatlas
            weltatlas kommentierte
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            Du beantwortest Deine Frage ja fast selbst. Der Roman soll eine Warnung dieser Diktaturen/Strömungen sein. Entsprechend refelktiert wirst Du vermutlich (gelesen habe ich es ja noch nicht) mit diesen Themen umgehen. Du schreibst Figuren, die in einem rechtsradiakeln Setting, rechts radikal sind, wie sollten sie sonst sein?
            Die Frage wäre auch, welche Perspektivfiguren nutzt du?
            Gibt es Figuren die diese Abscheulichkeiten refelktieren?

          • Dodo
            Dodo kommentierte
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            Es gibt ja schon Romane, die so etwas thematisieren; wenn Du Ähnliches schreiben möchtest, schau Dir die an, die Du für gelungen hältst - was zeichnet die Darstellung des "Bösen" dort aus?
            Schau Dir die an, die verunglückt sind und vielleicht sogar öffentlich Kontroversen ausgelöst haben (gäbe da ja wenigstens ein aktuelleres Beispiel eines deutschen Starautoren, "NSA")bzw. lies die Kritiken dazu. Die legen ihre Finger z T wirklich auf Details, benennen den Punkt sehr genau, illustrieren ihn am Text, an der Wortwahl, dem POV, dem Leseeindruck. Es sind nur Meinungen, aber stark begründete, z B von 54books.

          • Milch
            Milch kommentierte
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            In der ZDF-Mediathek kann man sich Deutscher anschauen, die ein ähnliches Thema behandelt. Bei solchen Themen ist es auch wichtig, dass man nicht zu erwartbar agiert. Die rechtsradikale Ideologie mögen wir alle nicht.

          #7
          atlas

          Ja, da hast du schon Recht, man kann diese Figuren ja wohl nur so schreiben, wie sie sich auch verhalten würden, und leider ist das im rechtsradikalen Milieu eben so, dass diese Leute ziemlich brutal und radikal sind. Das zu schreiben ist allerdings eine schwierige Herausforderung, wenn man selbst anders denkt, ist es nicht leicht, sich in solche Leute reinzudenken.
          Ich schreibe aus der Perspektive einer Prota, die als Schülerin diesem System ausgesetzt ist, und auch aus der von zwei rechtsradikalen Lehrern, die fest an dieses System glauben und ihre Schüler mit Brutalität und Härte durch den Schulalltag quälen.
          Die Prota ist gegen das System, verhält sich aber unauffällig, bis sie schließlich sogar um ihr Überleben kämpfen muss, und erst da findet sie nach und nach den Weg in den Widerstand.
          Die Lehrer dagegen entwickeln sich nicht, sie bleiben so brutal und radikal wie sie sind.
          Gibt es hier eigentlich auch Bereiche, wo man seine Romane vorstellen kann? Dann könnte ich mir auch mal Feedback einholen, ob man das so schreiben kann oder eher nicht.

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          • weltatlas
            weltatlas kommentierte
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            Also hast Du zumindest eine Perspektivfigur, die das Geschehen quasi reflektiert.

            In den Bereichen Projektwerkstatt und Textwerkstatt kannst Du schauen.

            Kleiner Tipp am Rande, benutz bitte die Kommentarfunktion, wenn Du auf einen Post reagieren möchtest - Rechts unten im Textfeld findest Du die Funktion.

          #8
          weltatlas

          Stimmt, diese eine Perspektivfigur wirkt dann doch sehr reflektierend. Bin gespannt, ob mir das gelungen ist, bis jetzt hat noch keiner meinen Romananfang gelesen.
          Wie erhält man eigentlich Zutritt in die geschlossenen Bereiche "Textarbeit" und "Projektwerkstatt"? Muss man dafür schon länger Mitglied sein oder eine bestimmte Zahl an Beiträgen haben?
          Ich möchte meine Romanideen nämlich nur im geschlossenen Bereich vorstellen, die sollte nicht öffentlich sichtbar sein, damit niemand die Idee klaut.

          Und ich werde auf jeden Fall die Kommentarfunktion beim nächsten Mal benutzen.

          Kommentar


            #9
            Damit werde ich hier sicherlich nicht den Konsens treffen, aber meine Erfahrung hat mich gelehrt, vor solchen Zweifel Abstand zu nehmen. Ich hatte mal eine Figur, eine Liebesbeziehung, die objektiv absolut ungesund war, aber von der Perspektivfigur nicht als solches wahrgenommen wurde. Ich habe darüber insbesondere deswegen vertieft nachgedacht, weil all die Diskussionen zu Shades of Grey anklangen ließen, als Autor trüge man die Verantwortung, über ungesunde Beziehungen aufzuklären, evtl. auch als mahnende oder moralisierende Instanz. Ein für mich undenkbarer Lösungsansatz, weil der entweder den Erzählton zerfasert oder die Geschichte am Ende "zum Guten" wenden muss.

            Ich sehe mich nicht als jemand, der seine Leser belehren, politisch oder moralisch erziehen muss. Ich schreibe, was mir in den Sinn kommt, ich erzähle meine Geschichten und wenn dabei ein Mann einer Frau an die Brust greift und "Wie sieht's aus, Mäuschen?" flüstert, dann überlasse ich dem Leser, ob er so einen Typen romantisch oder abartig finden möchte - und ich bleibe im Point of View meiner Figur und lass sie daraus heraus reagieren. Und wenn dieser PoV vorgibt, dass das die Figur total ansprechend findet, dann ist das eben so und sie wird sich nicht benutzter dadurch fühlen, weil ein Großteil der Frauen das Gesagte abstoßen würde.
            Und wenn ich eine Figur habe, die schwarzer Hautfarbe und Sklave ist, aber einen guten weißen Herrn hat und diesem liebend gerne dient, dann schreibe ich diese meine Figur so, weil ich sie so erschaffen habe - und wenn der allergrößte Teil von Exsklaven das kacke findet, weil er Sklaverei ablehnt, dann steht diesen Menschen das frei, aber meine Figur muss nicht so denken.

            Und: Wenn meine Figur Sklaverei toll findet oder meine Frauenfigur Machos liebt, die gerne übergriffig werden, dann sagt das über meine Vorlieben und Einstellungen als Autor erstmal reichlich wenig aus.
            Derweilen ist auf dem Feld schon alles gewachsen, bevor die wussten, warum und wie genau es gedeiht. - Franziska Alber

            So nah, so fern.

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            • weltatlas
              weltatlas kommentierte
              Kommentar bearbeiten
              Und: Wenn meine Figur Sklaverei toll findet oder meine Frauenfigur Machos liebt, die gerne übergriffig werden, dann sagt das über meine Vorlieben und Einstellungen als Autor erstmal reichlich wenig aus.
              Über wen dann? (Ja, etwas provokant )

              Generell: Jeder Autor kann so schreiben wie er/sie/es will. Niemand verbietet einem etwas. Das Publikum reagiert auf die Bücher und mit dieser Kritik kann man sich, muss man sich aber nicht auseinander setzen. Für die 50 Schatten gab es jede Menge Publikum und viele fanden es toll. Es gab auch welche die darin bedenkliche Strukturen erkannten - be-denklich - man kann darüber nachdenken. Ebenso, wie man darüber nachdenken kann (nicht muss), ob es so viele Sklavinnen/Sklaven gab, die ihre Herren so supi fanden. Muss man das zwingend in sein Buch einfließen lassen? Nö.
              Am Ende richtet das Publikum über das Gelesene.

              Und wenn du den o.g. Weg als Autorin gehen möchtest, dann hast Du doch Deinen Weg gefunden. Jeder sucht auf seine Weise nach seinem/ihren/xier Schreibweg.

              Nichts muss, alles kann.

            • Kelpie
              Kelpie kommentierte
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              Mein Beitrag war tatsächlich nur meine Sicht der Dinge - keine Verurteilung anderer Wege.

              Über wen dann? (Ja, etwas provokant )
              Das ist eine Fangfrage, weil sie mein Gesagtes in eine Richtung zwingt, in die ich nicht zu gehen gedacht habe. Die Haltung einer fiktionalen Figur muss über niemanden etwas aussagen. Sie kann aus rein erzähltechnischen Gründen vorhanden sein. Sie kann da sein, um etwas zu illustrieren. Sie kann Missstände aufzeigen, die nichts mit ihrer offensichtlichen Rolle zu tun haben.
              Bei einer Frau, die sich freiwillig einem Mann unterordnet, muss es sich nicht zwangsläufig um das Thema "Patriarchat" o.Ä. handeln. Es kann auch um Machtstrukturen in der Liebe gehen. Manipulation - unabhängig von Geschlecht. Abhängigkeit. Vielleicht soll es nur einen der beiden Charaktere besser beleuchten, um etwas anderes besser in Szene zu setzen. Es gibt so viele Möglichkeiten.

              Es gab auch welche die darin bedenkliche Strukturen erkannten - be-denklich - man kann darüber nachdenken.
              Es gab bei dem Buch auch Bewertungen, die weit über "bedenklich" hinausgingen. Ich meine mich an "gefährlich" u.a. zu erinnern.

            • weltatlas
              weltatlas kommentierte
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              Sie kann da sein, um etwas zu illustrieren. Sie kann Missstände aufzeigen, die nichts mit ihrer offensichtlichen Rolle zu tun haben.
              Das ist doch aber sehr reflektiert? Ich denke, dass es eben darum geht: Reflektiert zu schreiben. Wie du eben selbst formulierst:
              Es gibt so viele Möglichkeiten.
              Und so soll es sein.

            #10
            Ist ein schwieriges Thema, bei dem ich mir noch über vieles im Unklaren bin. (Merkt man sicher auch an dem folgenden Text, dem vielleicht etwas der rote Faden fehlt)

            Ich habe in meinem aktuellen Roman einen recht bunten Cast, in mehreren Beziehungen. Und bin auch ziemlich zufrieden damit.
            Nach den Diskussionen der letzten Zeit war ich gedanklich an dem Punkt angelangt, dass ich als alter, weißer, cis Mann, der per se rassistisch ist, am besten nur noch Geschichten mit einem weißen Cast für weiße Leser schreibe. Bleibe bei dem, was du kennst. Halte ich auch für legitim, aber auch für eher langweilig. Daher habe ich mich dagegen entschieden.

            Ich persönlich versuche, Figuren und Autor ziemlich strikt zu trennen.
            Selbstverständlich habe ich sehr liebevolle, umsichtige und hilfsbereite, aber auch rassistische, gewalttätige und soziopathische Figuren in meinen Geschichten. Um Konflikte aufzubauen, nehme ich ganz gerne mal jemanden aus den Randbereichen der Gausschen Normalverteilung unserer Gesellschaft.
            Rassistische Figuren benutzen in meinen Geschichten rassistische oder diskriminierende Denkweisen und Sprache. Um den Personen Authentizität zu geben, gehört das dazu. "Lynch the Kraut", können diese Figuren von sich geben, da es für sie eine "normale" Sprache darstellt.
            Sexuelle Gewalt gegen Frauen, etc. existiert und ich klammere nichts aus, was ich für die Geschichte sinnvoll halte. Gewalt nur um der Gewalt willen, ist sowieso nicht mein Ding und bestimmte Bereiche zwischenmenschlicher Abartigkeit, sind für mich völlig out of order.
            Vielleicht gab es einzelne dieser Sklaven, wie sie in Vom Winde verweht oder Song of the South vorkommen. So eine Art Helsinki Syndrom? Auf jeden Fall haben auch solche Figuren eine Berechtigung, wenn sie für die Geschichte wichtig sind.

            Als Autor versuche ich, so wenig wie möglich in meinen Geschichten aufzutauchen.
            Im Worldbuilding erschaffe ich möglicherweise Welten, in denen es Sklaverei gibt. (Ich nehme mal das Beispiel von Kelpie ) Vielleicht auch einzelne Sklaven, die mit ihrem Schicksal zufrieden waren, aber nie (soweit ich es selbst erkennen kann) eine Welt, die Sklaverei verherrlicht, beschönigt oder verklärt wird, und als ein erstrebenswerter Zustand gesehen wird, der erreicht werden muss.
            Meine Geschichten sind sicherlich nicht frei von Klischees, aber ich versuche, mich etwas freizuschwimmen, sodass nicht alle Crack-Nutten schwarz, alle Autodiebe Polen oder Megastreberinnen Asiatinnen sind. Ist doch schon mal ein Anfang.

            Bestimmte Gruppen, in deren Gefühlswelt ich ich mich überhaupt nicht einfühlen kann, lasse ich in meinen Geschichten nicht vorkommen.








            I love deadlines. I like the whooshing sound they make as they fly by.

            Douglas Adams

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            • Peter
              Peter kommentierte
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              Alys II.

              Ich habe das Buch nur einmal als Teenager gelesen. Die Romantisierung der Sklaverei fand ich damals kitschig und unglaubwürdig, schlimm fand ich allerdings die Verherrlichung des KKK, der nach dem Bürgerkrieg aufkam.

              So weit ich mich erinnere, stirbt doch Scarletts Mann bei einer Aktion des KKK.

            • Alys II.
              Alys II. kommentierte
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              Peter, Ja, der Klan und die Demokraten (also die Southern Democrats, die sich ja damals in ihren Forderungen deutlich von den nördlichen Kollgen unterschieden haben und die Pro-Sklaverei waren) werden als eine Art gute Rebellenbewegung gegen die Opressoren aus dem Norden dargestellt. Historisch nicht falsch, weil sich damals ja gerade Leute der Mitglieder der gebildeten Oberschicht aus diesen falsch-romantischen Motiven heraus dem Klan angeschlossen haben und es deshalb in Scarletts Umfeld passt. Ihr Mann stirbt bei einer KKK-Aktion, die im Buch eine total gerechtfertigte Racheaktion dargestellt wird, denn ein "böser" schwarzer Ex-Sklave hat versucht, Scarlett zu vergewaltigen - das ist aber nichts anderes als Lynchjustiz und das Schüren von Voruteilen gegen die Schwarzen.

            • Kuro
              Kuro kommentierte
              Kommentar bearbeiten
              Das Problem ist halt, dass das aus Sicht dieser Figuren richtig war und auf der Ebene passt das mit dem KKK im Buch auch. Was fehlt, ist die Gegensicht, jemand, der eben nicht aus diesen Kreisen stammt und hinterfragt oder trotz Aufwachsens dort, über die Sozialisierung hinausdenkt. Für mich ist die Darstellung an dem Punkt deswegen logisch, was den KKK aber nicht richtiger macht.
              (Ich lese derzeit - nach langer Zeit mal wieder - "Queen" von Alex Haley und da wird auch immer mal für einen Absatz oder ein paar Seiten in die Gedankenwelten der jeweiligen Figuren geschwenkt und da sind auch viele aus den Südstaaten dabei und ich sitze jedes Mal angeekelt hier, weils eben - egal ob durch die Sozialisierung passend oder nicht - widerlich ist, wie die Leute gedacht haben, auch dort fehlt irgendwie die Reflektion, sie kommt höchstens durch die Gedanken von Sklaven auf, wobei das eben auch ein Problem daran ist, wenn das nur auf die Südstaaten beschränkt ist, das war in der "North and South"-Trilogie von John Jakes einfacher, weils Perspektivfiguren aus den Nord- und Südstaaten gibt.)

            #11
            Also ich glaube ja, was diese Themen angeht, steckt so ziemlich jede*r in einem dauerhaften Lernprozess.
            Dadurch, dass meine aktuelle Geschichte seit fast 8 Jahren in meinem Kopf ist und mittlerweile die vierte Fassung, hat sie sich natürlich im Laufe der Jahre viel verändert - neben Charakterisierung, Worldbuilding, Plotten und Schreibhandwerk, was sich hoffentlich ein Bisschen verbessert hat, habe ich mir tatsächlich auch viele Gedanken darüber gemacht, was ich mit meiner Geschichte oder einzelnen Szenen vermittle. Tatsächlich musste ich da auch so einiges ändern, was vermutlich auch wenig überraschend ist. Als ich angefangen hab sie zu schreiben, war ich 16/17, dann hab ich mich mit 18/19 nochmal richtig reingehängt, und damals war ich ... ahnungsloser, ignoranter, narzisstischer und unempathischer als jetzt (vielleicht bin ich das aber jetzt auch noch und denk genau das gleiche in 5 Jahren) und hab auch einfach viel weniger darüber nachgedacht. Was übrigens ein völlig normaler Teil der Hirnentwicklung ist. Mein Umfeld war auch anders, bis vor kurzem hatte ich mich noch in einer recht homophoben und transphoben Klasse befunden (oder zumindest einer Klasse mit einem recht homophoben und transphoben Mobber), und fragwürdige Witze und Beleidigungen waren da an der Tagesordnung. Ein paar Jahre später konnte ich bei einigen Sachen dann nur den Kopf schütteln und hab dann sehr viel umgeschrieben und umgeplottet.

            Bisher hatte ich das Glück, dass sich viele Unsicherheiten darüber, ob ich mit einzelnen Szenen und Plotpunkten die falsche Botschaft vermittle, irgendwann gegeben haben, weil sich beim Plotten irgendwann neue Plotpunkte und Stränge entwickelt haben, die das so ziemlich relativiert haben. Aber aufpassen muss ich trotzdem. Ich thematisiere nämlich so einige Dinge, die es auch in unserer Welt gibt (Rassismus, Sklaverei, Kriegsverbrechen, allgemein Diskriminierung) - nur eben in einem modernen Fantasysetting, aber die Parallelen zu unserer Welt sind teilweise schon recht deutlich. Gleichzeitig soll es sich aber auch von unserer Welt unterscheiden, weil (zumindest in Teilen meiner Fantasywelt) deutlich weniger aufgrund von Hautfarbe, sexueller Orientierung oder Geschlecht diskriminiert wird. Nicht gar nicht, denn dort leben alle möglichen Leute und eben auch welche, die noch unbewusste Biases haben oder schlichtweg intolerant sind, aber deutlich weniger. Dafür muss ich mich aber natürlich dafür sensibilisieren, wie in unserer Welt eben doch immer noch diskriminiert wird, wie das System bestimmte Menschen bevorzugt und andere unterdrückt. Ich muss ja das, was ich in meinem Worldbuilding ändern will, erstmal verstehen, sonst würde ich einfach nur unsere Welt neu erschaffen und behaupten, sie wär frei von Diskriminierung. Außerdem will ich Diskriminierung und Unterdrückung ja auch einbauen, nur eben aufgrund anderer Merkmale (fantastischer Rassismus oder so). Und dann gibt es eben auch Gebiete, in denen durchaus auch dieselben Gruppen diskriminiert werden wie in unserer Welt, und auch dafür kann ich nicht einfach völlig ignorant an die Sache rangehen. Das ist für mich ein fortlaufender Lernprozess, wie für alle anderen auch, schätze ich. Lohnt sich aber. Finde ich zumindest. ^^
            C10H12N2O

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