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Leserunde #7 - Ursula Le Guin

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  • Leserunde #7 - Ursula Le Guin

    Ursula K. Le Guin! Wie die anderen beiden Autoren, die ich für diese Leserunde vorgeschlagen hatte (Asimov und Lem), ist sie quasi eine Gottheit der Science Fiction-Welt. Was umso beeindruckender ist, da sich Frauen in dieser Welt ja bis heute schwer tun.

    Sie wurde 1929 in Kaliforniern geboren, als Ursula Kroeber. Ihre Mutter war Antrophologin und Schriftstellerin, ihr Vater Professor für Anthropologie und Anhänger des Kulturrelativismus.
    (Kurze Erklärung: Kulturrelativisten gehen davon aus, dass es nicht nur eine für alle Menschen gültige Ethik und Gesellschaftstheorie gibt. Stattdessen gehen sie davon aus, dass sich diese Dinge in jeder Kultur anders hervorbilden, und dabei zwischen den Kulturen große Unterschiede bestehen können und sollen. Ein Kulturrelativist wird sich also gegen die Einstellung, dass wir allen Völkern der Erde Demokratie, Kapitalismus und christliche Ethik beibringen müssen, weil dies das "beste" System sei, wehren.)
    Ich finde, dass man in Ursula Le Guins Werk viel von dem findet, was sie von ihren Eltern gelernt haben muss. Sie war neugierig auf andere Kulturen und Völker, probierte literarisch verschiedene Gesellschaftsformen aus, und gestand Frauen immer ganz selbstverständlich das Recht auf Arbeit zu.

    Ursula Le Guin begann schon als Kind zu schreiben, schon damals viel Science Fiction, obwohl sie (damals) wenig Science Fiction las. Science Fiction galt damals als langweilige und eintönige Literatur, meist waren es Space Operas als Heftgeschichten. Le Guin begann später als Erwachsene "ernsthafte" und "gute" Sci Fi zu schreiben, nur um zu beweisen, dass dies überhaupt möglich sei.
    Tatsächlich blieb sie aber keine reine Sci Fi-Autorin, sondern schrieb auch "klassische" Fantasy.
    Ihre berühmtesten Werke sind wahrscheinlich die Erdsee-Saga (Fantasy), der Hainish-Zyklus (Sci-Fi) und Romane, die in einer fiktiven zentraleuropäischen Republik bzw. an der amerikanischen Westküste, in einer nahen Zukunft spielen. Meist werden die beiden letzten auch zu Sci-Fi gezählt, manche zählen es auch gerne zur Spekulativliteratur (ein Begriff, der ja eigenlich erst von Margret Atwood für ihre eigenen Bücher geprägt wurde.)

    Ursula Le Guin starb erst im vergangenen Jahr. Ich verlinke Euch hier mal ein paar Nachrufe, die ich vor allem aus einem Grund interessant fand:
    In kleinen Fanzines und Szeneblättern wird gewöhnlich der Tod von liebgewonnenen Nischenautoren betrauert, die den Redaktionen von "seriösen" Zeitungen wahrscheinlich nicht einmal namentlich bekannt sind. Umgekehrt gilt: stirbt eine/r der "Großen" der Literaturszene, dann geht das an Fanzines gewöhnlich vorbei. Ursula Le Guin war eine der seltenen Ausnahmen, um sie wurde in praktisch allen Medien getrauert.

    https://www.spiegel.de/kultur/litera...a-1190142.html

    https://www.sueddeutsche.de/kultur/l...-tot-1.3838512

    https://www.faz.net/aktuell/feuillet...-15414260.html

    https://skoutz.de/nachruf-skoutz-tra...ula-k-le-guin/

    https://www.teilzeithelden.de/2018/0...ung-der-worte/

    https://www.comicdealer.de/category/nachruf/ (bisschen runter scrollen)
    Always avoid alliteration.

  • #2
    So, los geht's!

    Die Geschichte ist so kurz, dass man sie locker in einem Rutsch herunterlesen kann. Aber wir wollen uns ja nicht nur mit dem Inhalt, sondern auch mit dem Schreibhandwerk beschäftigen, deshalb würde ich sie gerne in zwei Etappen mit Euch lesen.

    Hier ist der Link. https://www.tor-online.de/fiction/20...ula-k-le-guin/

    Lest bitte bis zum 14.08.2019 bis zu dem Satz "Aber die Revolution hatte er ihr gelassen."
    Always avoid alliteration.

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    • Alys II.
      Alys II. kommentierte
      Kommentar bearbeiten
      In-Genius, Magst/kannst Du die erste Runde Fragen übernehmen? Ich krieg's hin, aber weil ich gleichzeitig an dem Tag die Mittwochsfrage hab ...

    • In-Genius
      In-Genius kommentierte
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      Kein Problem, mach ich gern.

    • Alys II.
      Alys II. kommentierte
      Kommentar bearbeiten
      In-Genius Bist ein Schatz!

  • #3
    Ich habe den ersten Teil bereits gelesen.

    Ich bin unsicher, wo die Geschichte beginnt. Gehört das kursiv geschriebene schon dazu oder ist es nur eine Art Vorwort? Ich habe das jedenfalls nur Bruchstückhaft verstanden, da darin Worte vorkommen, die wir in Sozialkunde in der Schule hätten lernen sollen. Da werde ich mal googeln müssen. Allerdings ist der Absatz, der den Odonismus beschreibt, irgendwie merkwürdig. Zu viele Semikolons und zu viele Vergleiche, was der Odonismus NICHT ist. Ich mag es lieber, wenn man genau beschreibt, was etwas IST. Das kommt mir hier zu kurz und ist auch nicht bildhaft geschrieben, sodass ich ziemlich ratlos vor diesem Absatz stehe.
    Das Bild der Pflastersteine benutzt die Autorin gleich im ersten Absatz wie einen roten Faden. Von einer gepflasterten Straße, auf der leere Bierlaster fahren und die Stimme des Redners symbolisiert, zu Pflastersteinen, die wohl die Köpfe der Menschen darstellen sollen.
    Traurig finde ich, dass die Ich-Erzählerin (?) die Namen der Blumen nicht kennt. Das bedeutet für mich, dass es in ihrem Leben keinen Platz für solch banale und doch schöne Dinge gibt. Allerdings wundere ich mich, dass es auf einem Exerzierplatz Blumen gibt. Das ist doch das erste, was unter den Stiefeln eingeht. Und dann werden diese Blumen plötzlich zu einer Belastung. Da ist von ihrem schweren Duft die Rede, von Dornen, die das Fortkommen behindern, und Winden an den Füßen, obwohl ich mir nicht vorstellen kann, welche Blumen damit gemeint sein könnten. Ich vermute ein Bild dahinter, das ich noch nicht verstehe. (Macht dann natürlich Sinn, wenn man erfährt, dass es nur ein Traum war. Klingt nach einem Alptraum.)
    Als der neue Tag beginnt, nimmt die Autorin plötzlich einen abgehackten Schreibstil an. Das verdeutlicht zwar, wie sehr es der Erzählerin missfällt, jetzt schon aufzuwachen, aber ich fühle mich mit diesem Stil nicht wohl.
    Es folgt ein langer Absatz über das Aussehen ihrer Füße. Die kommen nicht gut weg, zum Teil, weil die billigen Schuhe ihren Füßen nicht guttun. Sie findet sich hässlich und das macht sie an ihren Füßen deutlich. Es wundert mich, dass man so vieles nur an seinen Füßen schon hässlich finden kann. Und es ist deprimierend, zu lesen, welche Worte sie zur Beschreibung ihrer Füße nutzt. „Ekelhaft, traurig, deprimierend, gemein, mitleiderregend, hässlich.“ Da will man aus seinem eigenen Körper raus. Aber Laia – hier bekommt die Figur einen Namen – macht sich ERBITTERT bewusst, dass das nicht wichtig ist. Das erbittert sagt mir, dass es eben doch wichtig ist. Für sie. (Später wird klar, wieso die Füße so schlimm aussehen. Laia ist alt. Da sieht der Körper eben nicht mehr so toll aus. Aber sie kommt damit nicht gut zurecht, wie es aussieht.)
    Nun erfahre ich, dass die Szene auf dem Exerzierplatz nur ein Traum gewesen ist. Sie hat schon lange nicht mehr von Taviri geträumt oder seinen Namen ausgesprochen. Da frage ich mich, ob er gestorben ist. Bei einem Exerzierplatz muss ich an Soldaten denken und die sterben leider viel zu oft im Krieg. Nun nennt sie ihn nur noch bei seinem Nachnamen.
    Sie denkt an ihre Zeit im Gefängnis. Dort hat sie auch erfahren, dass Taviri auf dem Großen Platz des Kapitols getötet worden ist. So, wie das da steht, muss ich an eine Hinrichtung denken.
    In den folgenden Absätzen klingt es so, als habe Laia eine neue Ordnung geschaffen. Freie Kleidung, freier Sex. Hier zuckt man zusammen, wenn von „meinem Mann“ die Rede ist. Hier heißt es Partner. Früher einmal war es auch schicklich, sich den Kopf zu rasieren. Heute scheinen lange Haare oder überhaupt Haare prinzipiell ok zu sein. Aber damals war es wohl eine Form der Unterdrückung, wenn die Soldaten ihr die Haare abrasierten.
    Ich glaube, sie war mal eine Revolutionistin und ist jetzt zu alt dafür. In Thu soll eine Revolution beginnen, doch aufgrund ihres Alters ist das nicht mehr wichtig für sie. Die Bestätigung folgt im nächsten Absatz. Sie hat eine Weltrevolution angezettelt und lebt jetzt in einem Odonierhaus. Scheinbar darf man dort nach den Regeln leben, die sie einst aufgestellt hat. Doch es klingt auch so, als würden die Odonier ausgerottet werden.
    Sie sinniert über ihre Handschrift, die sich seit Taviris Tod verändert hat. Im Gefängnis, nach Taviris Tod, schrieb sie Briefe, die rausgeschmuggelt wurden und die Leute draußen wohl zur Revolution anstachelten. Dort schrieb sie auch die „Analogie“, in der sie ihr Denken vorgestellt hat. Vermutlich orientiert sich daran auch der Odonismus. Das alles hat sie nur schnell hinkritzeln können und ihre Handschrift ist so geblieben. Sie gibt Taviri dafür die Schuld. Er soll ihre schöne, klare Schrift mit ins Grab genommen haben. Nur die Revolution hat er ihr gelassen.

    Bisher ist das ziemlich heftig, aber ich glaube, mit den heutzutage genutzten Mitteln könnte dieser Text leichter lesbar und verständlich geschrieben werden, ohne dass er an Heftigkeit verliert. Ich glaube sogar, dass er an Heftigkeit gewinnen könnte, weil die Gefühle hier oft außen vor bleiben. So erscheint mir der Text wie die Kritzelschrift der Protagonistin – hart, ohne Schnörkel, schnell hingeklatscht und irgendwie langweilig. Die vielen Erinnerungen verstopfen den Text, anstatt ihn aufzulockern. Die Erinnerung, dass sie früher Obst gestohlen hat, weil sie es so mochte, könnte viel lebendiger sein und dadurch dem Leser so richtig die aktuelle Situation vor die Stirn knallen, die so viel düsterer ist, obwohl Laia doch scheinbar bekommen hat, wofür sie gekämpft hat.

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    • #4
      ich werde dieses Mal auch an der Leserunde mit dran teilnehmen, da der Text recht kurz ist und frei verfügbar. Allerdings ist Science-Fiction nicht mein Genre. Ich habe daher nicht wirklch eine Ahnung, was für Erwartungen an dieses Genre gesetzt werden.

      Wie Earu habe ich den ersten Teil auch bereits gelesen.

      Puuuh... ich meine, das ist ein alter Text und dafür liest er sich schreibstilmäßig für mich ganz gut. Ich mag schnörkellose Schreibstile ohne viel Tamtam, aber mich stört schon jetzt, dass die Protagonisten vom 100stel ins 1000stel kommt. Der Witz dabei ist, dass sie sich ja selbst noch dafür ermahnt, nur um dann 1-2 Sätze später wieder damit anzufangen...
      Und das erinnert mich unangenehm an meinen Deutschunterricht. Ich mochte das Schulfach Deutsch, aber nicht wenn Gedichte bis ins Unendliche durchgekaut wurden oder Texte drangenommen wurden, die nicht auf den Punkt gekommen sind, sondern man diese auseinandern nehmen musste, bis man doch eine ungefähre Vermutung aussprechen konnte, was der Autor uns sagen möchten. Haltet mich für einen Banausen, aber da mag ich es doch gern klar und deutlich.
      Aber dieses verschwurbelte im Text ist glaube ich ganz typisch für die Zeit. Ich habe das aus meiner Abizeit erfolgreich verdrängt, was wir da genau gelesen haben, aber stilmäßig kann ich mich an solche Sachen erinnern.
      Wenigstens hat sie keine Zweifel daran gelassen, dass es sich bei ihr um eine alte Frau handelt. Nachdem ich kapiert hatte, dass der erste Abschnitt wohl ein Traum ist (ich saß zunächst mit einem großen "Hä?" da, als sie doch tatsächlich anfing ihre Füße zu beschreiben... das hatte ja schon was von Horror XD) und sie dann von einer Erinnerung in die nächste gesprungen ist, hätte sie die "jungen Leute" gar nicht mehr erwähnen müssen.

      So, nur mal mein erster Eindruck. Ich bin gespannt auf eure Frage.

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      • Earu
        Earu kommentierte
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        Du sprichst mir da echt aus der Seele. Ich hatte jetzt noch ziemlich viel Glück mit unseren Schullektüren. Ich komme nur auf drei Stück, von denen zwei human bis sogar interessant waren. Daher kann ich da nicht so mitreden. Aber ansonsten bin ich ganz bei dir.

    • #5
      Eine alte Frau* mit Revoluzzerherz erinnert sich anlässlich einen Traums an ihre Vergangenheit und schildert grob ihren Eindruck der Gegenwart.

      *leite ich aus dem Namen ab

      Mir geht es ähnlich wie zickzack - Willkommen zurück in der Qual der Lektüre für den Deutschunterricht. Ich reihe mich in die Banausenbank ein.
      In mir entsteht aus diesem Text kein Bild, keine Bindung, kein Interesse. Oma findet ihre Füße hässlich, und das am Beginn des Textes?
      Dann fallen viele Namen und Bilder, die andeuten, dass irgendwann mal etwas Spannendes in ihrem Leben passiert gewesen gehabt getan sein könnte, was mit anderen Leuten zu tun hatte. Nur die Aussage über Kleidung und Sex deuten an, dass auch sie selbst etwas eingebracht haben könnte.
      Mehr Info brauch ich erstmal nicht. Adrenalin, bitte. Patient sonst klinisch tot. - Und das sage ich als jemand, der sonst nicht sofort Action braucht ...
      Es ist wahrscheinlich damaliger Zeitgeist/Stil, so lahmarschig und infolastig anzufangen, aber ich finde es anstrengend, hineinzukommen. Also, ich bin noch nicht drin. *mecker*

      Aber: Ich finde gut, dass mich die Leserunde zwingt, es weiterzulesen

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      • #6
        Wow, Ihr seid ja alle schnell. Bin mal gespannt, wer noch alles dazukommt.
        Always avoid alliteration.

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        • In-Genius
          In-Genius kommentierte
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          Tsaphyre Mir kommt der Erzählstil auch nicht altmodisch vor. Im Gegenteil erinnert er mich an meine eigene Erzählweise ... Anscheinend würd die hier auch nicht gut ankommen^^°
          Geschmäcker und so.

        • Dodo
          Dodo kommentierte
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          In-Genius Irgendwo hab ich mal was von Dir lesen dürfen, und das war erfrischend (= ich würd mehr lesen). Ich brauchte zwei Zeilen, um mich auf einen anderen Stil einzulassen, aber das war kein Problem. Zack, drin. Bei Dir war Takt drin oder Rhythmus oder beides (bin sonst eher unmusikalisch), während ich hier keinen Lesefluss finde.

          Was "alt" angeht: Ich finde eben auch die anderen SciFi-Werke älteren Datums (Heinlein, Clarke) oft schwerer zugänglich als Weir, die Strugatzkis (obwohl die auch älter sind) oder Cawdron. Lem wiederum hat für mich eine den Leser mitnehmende, sanfte Erzählwelle *schwampf*.
          Ich werd mich mal an die ersten Seiten der "Freien Geister" setzen, ob ich da auch so eine verbarrikadierte Tür vorfinde

        • Tsaphyre
          Tsaphyre kommentierte
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          In-Genius, ja, ähnlich habe ich auch gedacht und war ein bisschen erschrocken. Zwei meiner Projekte sind in Ich-Perspektive und sollen auch etwas weitschweifiger in der Erzählweise werden. Hoffentlich liest das überhaupt noch jemand. *lach*

          Aber wie Dodo schon schreibt, das allein ist noch kein Kriterium, es kommt eben auch auf Inhalt, Rhythmus, Bilder, Sprache usw. an. Also nicht verzagen! Außerdem gibt es sooo viele unterschiedliche Leser, da werden sich doch sicherlich einige Menschen begeistern lassen. (hoffentlich ... )

      • #7
        Ich hab jetzt auch meine Leserundenpremiere hinter mich gebracht – also, zumindest in kommentierender Form. Ich hatte schon einmal ein Stück Sleepy Hollow gelesen, aber das fand ich so schlimm, dass ich mich nicht beteiligen wollte *gg* Ich hätte zwar gern Robbie kennengelernt, aber so ist es nun Odo, die ich für ein paar Zeilen begleite. Der Text ist ja (zum Glück?) sehr kurz, sodass ich denke, dass ich das als absoluter Langsamleser mit Konzentrationsschwäche auch hinkriege *g*

        Ich habe den kursiven Text gelesen und er hat mir schon etwas geholfen, das Geschehen einzuordnen. Was mir als erstes auffiel, war, dass mir das Anfangsbild gefällt. Ich bin kein Fan von dem Bierlaster, aber die Pflastersteine, über die der Wagen fährt und die kahlen Köpfe, über die die Stimme schallt und die an Pflastersteine erinnern, über die der Bierlaster poltert, das hat mir schon gefallen. Die Namen finde ich auch wunderschön. Mit den hässlichen Füßen habe ich auch weit weniger Probleme als scheinbar die meisten hier – tatsächlich fand ich die Beschreibung nicht schlimm, sondern sogar (wenn man bei der Geschichte das Wort überhaupt nutzen kann) in gewisser Weise zielführend. Die Protagonistin hat offenbar nichts Wichtiges mehr zu tun, sodass sie sogar ihre Füße spannend findet. Und die sind auch noch hässlich und erinnern sie daran, dass sie nicht mehr die junge dynamische Revoluzzerin ist, sondern nur noch eine Oma, die einen Schlaganfall hatte. Ihre Wortwahl in dem Zusammenhang finde ich aber auch bezeichnend. Dieses ständige Herumgespringe und Selbst-Ermahnen-und-trotzdem-weiterlabern hat mich aber auch gestört. Allerdings wird ja schnell klar, um wen es sich handelt, zumal sie selbst ihren Namen (Odo) nutzt. Es wird aus der Kombination aus dem kursiven Text oben und den Erzählungen/Gedanken von Odo für mich recht klar, dass sie zwar nun eine alte Frau ist, aber vor fünfzig Jahren eine Revolution angestoßen hat, die in der aktuellen Generation bereits ein Umdenken erwirkt hat. Sie selbst hat das Ganze zwar angestoßen, doch offenbar findet sie sich zu alt und zu verbraucht, um selbst die Werte zu leben, die sie propagiert hat. Das sollen die Jungen mal machen.

        Das mit den Blumen und dem Exzerzierplatz ist mir auch unterschwellig aufgefallen. Die Blumen halte ich übrigens für Winden im wörtlichen Sinne, das ist nämlich der Name der Pflanze. Trichterwinde, Prunkwinde, ... eine von denen wird es sicher sein. Somit sehe ich es nicht so, dass die Protagonistin der Pflanze nicht genug Bedeutung beimisst, um ihren Namen zu kennen, denn "Winde" ist ja der Name und der deutet gleichzeitig auf ihre Natur als Kletterpflanze hin, die durch ihre krautige, lianenartige Wuchsform tatsächlich das Vorankommen erschweren kann.

        Der Stil ist nicht unbedingt meins und ja, der Beginn mit dem seltsamen Traum und dem schleppenden Hin und Her hat mein Lesevergnügen auch etwas gebremst. Ist es nicht ohnehin nicht so gut, mit einem Traum anzufangen, weil man den Leser, den man ja gerade mühevoll geködert hat, direkt mit der Auflösung, dass das gar nicht real war, wieder verliert? (Ja, ich mag verschachtelte Bandwurmsätze!) Nun ja, in diesem Fall war es wohl eher eine Erinnerung als ein Traum, aber trotzdem könnte ich verstehen, wenn einige Leser sich jetzt veräppelt vorkommen oder verwirrt sind. Ich musste auch die Szene(n) am Anfang tatsächlich zweimal lesen, um das alles richtig zuzuordnen.

        Auch wenn mich weder die Geschichte noch der Stil bisher vom Hocker hauen, werde ich weiterlesen. Aus irgendeinem Grund ist das ein Klassiker und bisher überwiegt die Neugier gegenüber der Abneigung. Ich bin einfach mal gespannt auf die Fragen und die nächsten Teile.
        Selling dreams was all I knew. — Deine Lakaien, Where you are

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        • #8
          Es haben sich ja bereits viele Meinungen zu dem Text eingefunden, das find ich schön^^ Gleich so viele Mitleser dieses Mal.

          Als erstes natürlich müssen wir über die Traumsequenz reden. Da wir woanders im Wortkompass uns gerade mit Klischees beschäftigen: Ist es nicht ein Klischee, mit einem Traum anzufangen, aus dem der Protagonist erwacht? Klischees sind ja nicht grundsätzlich zu verteufeln, aber gut umsetzen sollte man sie. Findet ihr diesen Traumanfang gut umgesetzt? Wenn ja, was war gut? Wenn nein, was wäre besser gegangen?

          Dann eine ebenso wichtige Frage: Wie steht ihr zu Protagonisten im fortgeschrittenen Alter? Laia Odo hat das beste Alter hinter sich und erlitt auch bereits einen Schlaganfall (etwas, das oft im Alter kommt). Sie kann sich nicht vor den vielen Erinnerungen aus ihrem Leben retten, denn die Vergangenheit ist bedeutender und spannender und lebensbejahender als die Gegenwart. Es ist doch ein typisches Bild von alten Menschen (in Medien zumindest), dass sie einem von ihrer eigenen Jugend erzählen, statt sich mit der Situation direkt vor ihnen zu beschäftigen, und Laia tut hier nichts anderes. Auch ist es wahr, dass Menschen im Alter weniger agil sind (so im Durchschnitt), das heißt, ein Abenteuer wird hier anders zu gestalten sein als in vielen Jugendromanen. In Jugendromanen gibt es höchstens vierhundert Jahre alte Vampire, die aussehen wie zwanzig. Hättet ihr lieber einen jungen Protagonisten voll mit Tatendrang? Findet ihr's gut, dass trotzdem auch alte Menschen in die Hauptrolle schlüpfen dürfen? Würdet ihr auch einen Roman mit einem Protagonisten im forgeschrittenen Alter schreiben?

          Die Meinungen bisher sind ja eher negativ dem Text gegenüber. Der Stil sei schwer zu lesen und packt nicht richtig, die Handlung sei zu langweilig und zu sehr mit unnützen Erinnerungen verstopft etc. Ich bin mir sehr sicher, die Autorin wusste sehr genau, dass es eine spannendere und üblichere Geschichte wäre, direkt Odos junges Leben im Gefängnis zu schreiben, wenn sie gegen die Regierung kämpft, wenn sie ihre Freunde verliert und der Leser mittendrin ist. So ist es doch mit den meisten Geschichten: der Leser ist mitten im Abenteuer dabei, deswegen lesen wir. Aber Urusla Le Guin entschied sich, über die Revoluzzerin im hohen Alter zu schreiben. Warum? Was könnte es uns, dem Leser, bringen, von der Revolutionskämpferin im Nachhinein zu lesen? Mit den verqueren Gedanken einer alten Frau dazwischen gequetscht? Spekuliert, was sich die Autorin dabei gedacht haben könnte - oder was ihr euch dabei denken würdet.
          Ayo, my pen and paper cause a chain reaction
          to get your brain relaxin', the zany actin' maniac in action.
          A brainiac in fact, son, you mainly lack attraction.
          You look insanely whack when just a fraction of my tracks run.

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          • Alys II.
            Alys II. kommentierte
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            In-Genius Vielen Dank für die tollen Fragen!!! Ich denke, zwei Texthappen reichen uns, oder? Die Diskussion ist ja schon so rege, wir ziehen das sonst nur künstlich in die Länge.

          • Earu
            Earu kommentierte
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            Dodo Von mir aus können die Details auch mal unappetitlich sein. Es gehört leider zum Altern dazu. Sollte sich jedoch in Grenzen halten. Aber ganz ohne diese Details könnte die Geschichte eines alten Menschen unglaubwürdig werden. Es ist normal, dass die abends z. B. das Gebiss rausnehmen und zusammen mit einem Koregatab ins Wasserglas werfen, nur um zuzusehen, wie sich die Essensreste langsam auflösen. Meine Oma hat manchmal das Gebiss im Mund hin- und hergeschoben. Sah merkwürdig aus, kann auch eklig sein. Aber als kleines Kind war ich fasziniert.

          • Dodo
            Dodo kommentierte
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            Earu Das Leben ist unappetitlich, aber es wird in der Darstellung _alter_ Menschen gern hervorgekramt. Ja, die reden auch gern über Stuhlgang, aber darüber muss ich nicht lesen. Alte Menschen haben mehr zu bieten. Sie sind nicht alle weise und sauber, sie sind auch verbohrt, und der Geruchssinn lässt nach. Aber ebenso wie junge Protagonisten sollten sie etwas zu erzählen haben, was über Gebisse reinigen hinausgeht. Sei es gut oder schlecht, progressiv oder rückwärtsgewandt. Und das vermiss ich hier, weil es im "Gerümpel" ihrer Gedanken untergeht. Weil ich zu faul zum Entrümpeln bin.

        • #9
          Als erstes natürlich müssen wir über die Traumsequenz reden. Da wir woanders im Wortkompass uns gerade mit Klischees beschäftigen: Ist es nicht ein Klischee, mit einem Traum anzufangen, aus dem der Protagonist erwacht? Klischees sind ja nicht grundsätzlich zu verteufeln, aber gut umsetzen sollte man sie. Findet ihr diesen Traumanfang gut umgesetzt? Wenn ja, was war gut? Wenn nein, was wäre besser gegangen?
          Hmm, keine Ahnung, ob das ein Klischee ist. Früher scheint das ja öfter vorgekommen zu sein, dass die Geschichte mit einem Traum beginnt. Ist es dann automatisch ein Klischee? Für mich ist es eher eine Modeerscheinung, die mittlerweile eben verpönt ist, weil man die Leser - wie SaKi bereits angedeutet hat - damit verwirrt und diese sich veräppelt vorkommen können. Egal ob Modeerscheinung oder Klischee, mit dem Traum kann ich wenig anfangen. Ich glaube, dass er voller Andeutungen ist, die ich aber jetzt (?) noch nicht oder nur bruchstückhaft verstehe, nachdem ich bereits den halben Text gelesen habe. Ohne die weiteren Infos im Text wäre der Traum für mich bedeutungslos. Er hätte überhaupt keinen Sinn. Allerdings bringt er Laias Gedankenwelt zum Laufen, wodurch dieser Tag scheinbar etwas Besonderes für sie ist. Ich kann also verstehen, wieso die Autorin diesen Einstieg wohl gewählt hat. Nach heutigen Maßstäben hätte sie das aber noch viel besser machen können. Da ist der Schreibstil mir einfach zu sperrig.


          Dann eine ebenso wichtige Frage: Wie steht ihr zu Protagonisten im fortgeschrittenen Alter? (...) Hättet ihr lieber einen jungen Protagonisten voll mit Tatendrang? Findet ihr's gut, dass trotzdem auch alte Menschen in die Hauptrolle schlüpfen dürfen? Würdet ihr auch einen Roman mit einem Protagonisten im forgeschrittenen Alter schreiben?
          Wieso nicht? Bei jungen Protagonisten kann man sie bei ihren Abenteuern begleiten. Aber alte Menschen können auch Abenteuer erleben, und wenn es nur der Abstieg einer Treppe ist, ohne dabei zu stürzen. So ist das Leben. Wieso sollte man also das Alter ausklammern, nur weil man schon in jungen Jahren weiß, dass das eine unbequeme Zeit wird? In diesem Fall würde eine junge Protagonistin bedeuten, dass wir sie während ihrer Zeit als Revolutionärin begleiten könnten. Aber gerade durch das Alter und das Zurückblicken auf damals gibt dieser Zeit einen anderen Blickwinkel. Man bewertet im Alter Dinge, die man als Junger Mensch noch für toll und richtig gehalten hat, oft anders. Wenn ich eine Idee hätte, in der ein älterer Mensch die Hauptrolle spielen könnte, würde ich die Geschichte schreiben. In gewisser Weise habe ich das auch schon, indem meine erste veröffentlichte Geschichte von einem krebskranken Mann erzählt, der eine erwachsene Tochter hat, die er rauswirft. Da liegt die Altersspanne zwischen 40 und u. U. sogar 60.


          Aber Urusla Le Guin entschied sich, über die Revoluzzerin im hohen Alter zu schreiben. Warum? Was könnte es uns, dem Leser, bringen, von der Revolutionskämpferin im Nachhinein zu lesen? Mit den verqueren Gedanken einer alten Frau dazwischen gequetscht? Spekuliert, was sich die Autorin dabei gedacht haben könnte - oder was ihr euch dabei denken würdet.
          Ich denke tatsächlich, dass sie den Unterschied zwischen den Ansichten einer jungen Frau und den Erkenntnissen einer alten Frau zeigen wollte. Sie hat für ein Ideal gekämpft, es sogar geschafft, dass es akzeptiert und eingeführt wurde, doch sie lebt nicht darin, weil sie für diesen Kampf scheinbar ihre große Liebe verloren hat. Es war eine teuer bezahlte Gesellschaftsveränderung. Würde sie wieder für diese Ideale kämpfen, wenn sie wüsste, dass sie dafür ihren Mann verliert? Oder würde sie sich an das System anpassen und glücklich sein können, weil sie es jetzt besser weiß? Über solche Dinge denken wir als Leser überhaupt nicht nach, wenn wir der Revolutionärin folgen. Aber wenn wir der alten Frau folgen, schon eher.

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          • #10
            Als erstes natürlich müssen wir über die Traumsequenz reden. Da wir woanders im Wortkompass uns gerade mit Klischees beschäftigen: Ist es nicht ein Klischee, mit einem Traum anzufangen, aus dem der Protagonist erwacht? Klischees sind ja nicht grundsätzlich zu verteufeln, aber gut umsetzen sollte man sie. Findet ihr diesen Traumanfang gut umgesetzt? Wenn ja, was war gut? Wenn nein, was wäre besser gegangen?
            Klischee? Weiß ich nicht, ich weiß auch nicht, warum das so verpönt ist. Mir persönlich sind solche Bücher kaum untergekommen, die mit einem Traum anfangen (ob das auch etwas mit dem Genre zu tun hat?) und wenn, finde ich das auch nicht allzu schlimm. So ein Traum kann ja durchaus interessant sein, wenn dieser als Vision, Vorhersage oder sogar als Fluch etc. verwendet wird. Ich finde, da gibt es viele Möglichkeiten und wenn dieser Traum eine Bedeutung für das Buch hat, spricht meiner Meinung nichts dagegen ihn gleich an den Anfang zu setzen.
            Das Problem eines Traum ist nur, dass er unter Umständen interessanter sein kann, als dann die eigentliche Geschichte, wie es hier der Fall war. Bzw. war es hier nur eine schnöde Erinnerung... vielleicht doch eine Vorhersage, wie es im Text weitergeht - angeschnittene Erinnungen aus denen man nicht allzu viel nehmen kann.
            Die Traumsequenz an sich fand ich nicht schlecht. Doch gerade als es interessant wurde, da ich mich fragte, wie sie durch das Gestrüpp kommen will, da ist plötzlich der Bruch und es geht damit weiter, dass Laia aufwacht und als zweites ihre verbrauchten Füße beschreibt... Bei mir hat es wirklich gedauert bis es Klick gemacht hat, dass das ein Traum war. Vielleicht weil ich gar nicht mit einem Traum gerechnet habe. Wenn so eine Sequenz schon kommt, kenne ich es eigentlich so, dass diese in Kursiv geschrieben ist. War hier nicht der Fall, daher habe ich anfangs gar nicht an einen Traum gedacht.
            Fazit: Traum war in Ordnung, Übergang eher nicht.

            Wie steht ihr zu Protagonisten im fortgeschrittenen Alter? Hättet ihr lieber einen jungen Protagonisten voll mit Tatendrang? Findet ihr's gut, dass trotzdem auch alte Menschen in die Hauptrolle schlüpfen dürfen? Würdet ihr auch einen Roman mit einem Protagonisten im forgeschrittenen Alter schreiben?
            Mich stört an der Prota, dass sie sich in Banalitäten verliert, dass sie mir wirklich wie jemand vorkommt, der einem ungefragt etwas von einem erzählt, ohne das sie mitbekommt, ob es ihren Gegenüber interessiert oder nicht. Sie merkt zwar ab und an selbst, dass sie wieder in Erinnerungen schwelgt, aber das ändert nichts an der Situation.
            Aber an sich habe ich nichts gegen ältere Protagonisten. Es gibt ja auch die rüstigen Rentner. *Schulter zuck* Es muss eben die passende Geschichte zu ihnen gefunden werden. Aber es funktioniert auch mit einem Polizisten, der kurz vorm Rentenalter steht. Der brilliert dann eben mit Erfahrung und verzichtet dann auf die unvernünftigen Manövern, wie ich es manchmal bei den jungen Ermitteln kritisiere.
            Weiß ich nicht, ob ich einen Prota im fortgeschrittenen Alter schreiben würde. Wenn mir die passende Geschichte dazu einfällt, bestimmt. Ich kann auch besser Figuren schreiben, die eher etwas älter als ich sind. Daher könnte ich mir das schon prinzipiell vorstellen.

            Aber Urusla Le Guin entschied sich, über die Revoluzzerin im hohen Alter zu schreiben. Warum? Was könnte es uns, dem Leser, bringen, von der Revolutionskämpferin im Nachhinein zu lesen? Mit den verqueren Gedanken einer alten Frau dazwischen gequetscht? Spekuliert, was sich die Autorin dabei gedacht haben könnte - oder was ihr euch dabei denken würdet.
            Spekulieren liegt mir nicht...
            Ich meine, wenn sie Laia einfach erzählen lässt, was da geschehen ist und dass dann als große Rückblende eingebaut wird, okay. Aber warum man da bruckstückenhaft irgendwelche Erinnerungen aufführt, ist mir ein Rätsel, dass die Autorin hätte klären können. Aber da sie ja bereits verstorben ist, bliebt es wohl eins.
            Vielleicht ist es so, wie Earu es andeutet, dass verschiedene Sichten darstellen soll.
            Doch wie Dodo schon im Kommentar schrieb, ist es auch mir zu mühselig in dem Text herumzurühren, um dahinter doch noch etwas ganz Tolles zu entdecken.

            Kommentar


            • #11
              Huhu, dann will ich auch mal 'mitsenfen'

              Ich habe die Geschichte in einem Rutsch gelesen (noch bevor das erste Leseziel formuliert war). Der einleitende kursive Text hat mir zum Verständnis geholfen, aber ich denke, die Geschichte hätte auch so für mich funktioniert.

              Das Bild des leeren Bierlasters und der Köpfe der Menge als Kopfsteinpflaster hat mir gleich nicht besonders gut gefallen, obwohl es ein überraschendes Bild ist und ich solche Überraschungen eigentlich sehr mag. Aber ich hier empfand ich es als unpassend. Mit den letzten Zeilen des Traums war mir dann bereits klar, dass es ein Traum sein muss. Solche seltsamen Veränderungen wie die der Blumen, die plötzlich zu Schlingen und Dornen werden und ein Fortkommen verhindern, sind ja recht typisch für Träume. Deswegen konnte ich den leeren Bierlaster dann als Traumbild wieder sehr gut nachempfinden und fand ihn im Nachhinein doch richtig platziert. Es ist kein Geheimnis, dass ich Träume liebe, deswegen freue ich mich über Romane, in denen sie vorkommen. Aber sie müssen natürlich schon im Zusammenhang mit dem Rest der Geschichte stehen und als Traumbild auch etwas darstellen, was den Protagonisten in dieser Situation ausmacht. Meiner Meinung nach ist das hier sehr gut gelungen, und ich habe Freude daran, am Ende der Geschichte noch einmal zurück zum Anfang zu gehen und den Traum besser zu verstehen.

              Ich erlebe die Geschichte als einen Blick in Laias Seele, in ihren alltäglichen Gedanken- und Gefühlsstrom, der - und genau das macht die Geschichte aus - sehr assoziativ stattfindet. Ja, ihre Erinnerungen mäandern um den Traum, um ihren heutigen Alltag, um die wichtigsten Eckpunkte ihres Lebens, durchsetzt mit ihren Gedanken dazu und ihren gewohnten Beurteilungen dieser Gefühlsgänge. Dass sie von sich selbst ein bestimmtes Verhalten fordert und dann doch ihrer eigenen mahnenden Stimme nicht Folge leistet, ist doch allzu typisch für den Menschen. Mich hat das zum Schmunzeln gebracht. Ich erwarte hier keine spannenden Geschehnisse und Abenteuer, die, da gebe ich Earu recht, sicherlich auch ein alter Mensch erleben kann. Hier geht es um eine Frau, die ihr Leben lang gekämpft hat, jetzt aber damit fertig ist - teils aus eigenem Antrieb, teils wegen des Schlaganfalls, teils weil die jungen Menschen sie schon längst aus den aktiven Geschehnissen rausgedrängt haben. Und vielleicht noch aus anderen Gründen, die sich in der Geschichte entdecken lassen.

              Die Erzählung ist trotz des Umherschweifens schlüssig. Sie beleuchtet einen Rückblick auf ein Leben als Revolutionärin und den Umgang mit der heutigen Situation als alte Frau. Ich selbst bin zwar noch nicht so alt, aber auch ich kenne diesen Blick zurück auf Dinge, die mich für lange Phasen meines Lebens gefesselt und angtrieben habe, die ich heute aber mit anderen Augen sehe. Ich kann viele von Laias Gedanken und Gefühlen sehr gut nachempfinden. Mir gefällt diese assoziative Erzählweise: mit jeder Erinnerung, jedem Gedanken und jedem Zurückkommen in den Alltag erfahre ich ein Stück mehr von Laia, von ihrem Leben, von ihrer Art zu fühlen und manche Dinge zu betrachten. Ich liebe den Blick in die Seele eines Menschen und fasziniere mich dafür, wie sich Weltbilder, Gewohnheiten und innere Abläufe miteinander vermischen, miteinander harmonieren oder in Widerstreit geraten.

              Soll heißen, ich habe mich beim Lesen durchaus nicht gelangweilt. Aber andererseits hat mich die Geschichte jetzt auch nicht so richtig vom Hocker gehauen, dafür fehlt es mir an einer etwas tiefergehenden Auseinandersetzung mit den inneren Konflikten und Widersprüchen. Aber als Darstellung eines alltäglichen Erlebens, das mir Laias Persönlichkeit ein Stückchen näher bringt, hat sie mich gut unterhalten.

              Einige Stellen gibt es (erst in der zweiten Hälfte des Textes), die mir etwas sauer aufstoßen bzw. bei denen ich das Gefühl habe, Laia macht sich da selbst etwas vor. Ich hätte mir da etwas mehr Lebenserfahrung gewünscht. Vielleicht ist das aber auch dem Vorhaben von Ursula K. Le Guin geschuldet, eine Gesellschaftsform als glaubhaft darzustellen, die in meinen Augen nicht funktionieren kann. Vermutlich _wollte_ die Schriftstellerin, dass ihre Protagonistin daran glaubt - selbst im Alter noch. Deswegen bin ich mir nicht sicher, ob diese Stellen als Unehrlichkeit sich selbst gegenüber oder als echte gefühlte Überzeugung gemeint sind.

              Das kreative Chaos ist ein Trancezustand angenehmster innerer Verwirrung und seltsam zusammenhangloser Verwunderung. (Tsaphyre Ziegenfuß)

              Musenselig Sirenenberauscht - Verborgene Gärten der Sehnenden Lust

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              • Tsaphyre
                Tsaphyre kommentierte
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                Dodo, ich halte die Gedankengänge hier für 'bereinigt'. Das meinte ich damit, als ich von der Schlüssigkeit des Textes schrieb und davon, dass ich mit jeder Erinnerung und jedem Gedanken ein Stück mehr über Laia erfahre. Für mich ist der Verlauf des Erinnerten, Gefühlten und Gedachten weder beliebig noch banal noch durchsetzt von zu vielen unwesentlichen Nebengedanken.

                Die Gedankengänge verraten doch sehr viel über Laia und ihren Blick auf ihr eigenes Leben. Ich habe beim ersten Lesen nichts für überflüssig befunden. Der Text vermittelt eine gewisse Langsamkeit, vor allem aber Melancholie. Das ist zumindest mein Empfinden. Da ist nicht der Wunsch, wieder jung zu sein, sondern die Erkenntnis, dass sie vieles im Leben verloren hat, dass vieles aber auch nicht mehr dieselbe Bedeutung für sie hat, und es entsteht die Frage, was ihr am Ende eigentlich geblieben ist.

                Mir ist klar, dass wir hier nur einen Teil des Textes als Leseziel hatten, um allen genug Zeit einzuräumen. Aber gerade bei solchen Geschichten halte ich es doch für recht wichtig, die _ganze_ Geschichte zu lesen, um sofort einen Gesamteindruck zu haben. Klar, wenn mich eine Geschichte langweilt, lese ich sie auch nicht zuende. Aber ich war in diesem Fall ja nicht gelangweilt.

              • Dodo
                Dodo kommentierte
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                Tsaphyre Ich hab die Geschichte gleich zu Ende gelesen, weil ich dachte, es kommt noch was, aber es kam nichts.
                Ihre Gedanken wären für mich möglicherweise eine wenig stringente Reflexion in einem Roman gewesen, ein Kapitel, das ich überflogen hätte. Aber so steht es im luftleeren Raum für mich. Ich kann mich weder über Ort- noch Zeitangaben, weil fremde Welt, verankern, alles ist nur relativ zu ihrem Alter.
                Gegen Langsamkeit habe ich nichts, aber gegen Unfokussiertheit. Ich hab den Text eben noch einmal gelesen. Ich komm da nicht rein. Auch beim mittlerweile vierten Durchgang denk ich immer wieder: Wovon redet sie denn jetzt wieder? Und warum?
                Aber zum Glück gibt es andere Leser als mich

              • Tsaphyre
                Tsaphyre kommentierte
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                Dodo, oh, Du hast den Text schon viermal gelesen? Ich erst einmal. *lach* Vielleicht sollte ich den Text noch einmal lesen, um Dein Empfinden besser verstehen zu können.

                Die Frage nach dem Wovon und Warum hat sich mir nicht gestellt. Vor mir ist ein recht klares Bild von Laia entstanden, Stück für Stück eben, aber auf nicht so vielen verschiedenen Pfaden, die sich im Reigen der Gedanken und Erinnerungen zusammensetzen: Liebe zu Taviri; Gefängnis, Revolutionsversuche und Schriften darüber; Gegenwart mit der bereits nach der Ideologie lebenden Gemeinschaft; Vergangenheit in Armut. Spannend, dass wir das so unterschiedlich wahrnehmen.

                An manchen Stellen kam mir der Text gekünstelt vor, wie z.B. die Erinnerungen an den Obstdiebstahl, an manchen Stellen unglaubwürdig ('ich habe die ausländischen Studenten alle sooooo lieb'). Und mir ist am Ende nicht ganz klar, ob Laia nun die von ihr verfasste Ideologie noch für glaubwürdig hält oder nicht. Ihr Traum sagt, dass sie sie für leeres Bierlastergetöse hält, das auf den Köpfen von Ja-Sagern ausgetragen wird. Ich neige dazu, ihrem Traum Glauben zu schenken. An anderen Stellen denkt sie aber das Gegenteil und scheint überzeugt davon.

                Und das Ende hängt für mich auch etwas seltsam in der Luft: weiß sie, dass sie am nächsten Tag stirbt? Bringt sie sich um? Oder ist gar nicht ihr Ableben gemeint? Keine Ahnung. Aber da sind wir ja in der Diskussion noch nicht und dafür werde ich die Geschichte sicherlich noch ein zweites Mal lesen!

                Also ja, auch für mich ist die Geschichte nicht rund geworden und an wenigen Stellen unklar geblieben. Aber im Großen und Ganzen hat sie mich unterhalten.

            • #12
              So, ich denke, jetzt ist auch der/die Letzte ganz durch mit der Geschichte? Ich gestehe, ich habe auch erst gestern Abend die notwendige Ruhe gefunden, um mich nochmal mit dem handwerklichen Aufbau davon auseinandersetzen zu können.

              Ihr habt ja alle Eure Eindrücke schon geschildert. Von der Tendenz bin ich überrascht, denn mir ging es beim ersten und auch zweiten Lesen so, dass ich sehr gut in die Geschichte rein kam und davon fasziniert war. (Ich hatte sie tatsächlich vor der Leserunde noch nicht gelesen.)
              Den meisten von Euch ging es ja eher nicht so. Und doch gilt Ursula Le Guin als einer der ganz hellen Sterne am Sci-Fi-Himmel.

              Lasst uns deshalb nochmal den technischen Aufbau der Geschichte ansehen. Ich habe deshalb hier nochmal ganz allgemein die üblichen Merkmale einer Kurzgeschichte zusammengefasst:

              - geringer Umfang der Textlänge
              - unmittelbarer Einstieg in die Geschichte, nur selten mit vorgeschalteter Einleitung
              - offenes Ende, aber gerne mit einem Plot-Twist oder einer Pointe
              - erzählte Zeit ist linear und schildert oft nur wenige Minuten oder Stunden
              - es wird wenig Hintergrundwissen über die Charaktere und die Welt vermittelt
              - knappe Handlung, die oft Alltagsthemen der Protagonisten beschriebt, aber ein besonderes Ereignis in den Mittelpunkt der Geschichte stellt
              - wenige Hauptpersonen, die eher "Alltagspersonen" als "Helden" sind
              - Schauplatz der Geschichte wird oft nicht benannt
              - oft personaler Erzähler
              - falls auktorialer Erzähler, dann tritt er nicht wertend auf, sondern überlässt eine Beurteilung des Geschehens dem Leser
              - oft sind in der Geschichte Metaphern und Leitmotive eingebaut

              Und daraus ergeben sich auch meine abschließenden Fragen für diese Leserunde:

              Welche der allgemeinen Merkmale einer Kurzgeschichte erkennt ihr in "Der Tag vor der Revolution" wieder? Mit welchen wird (bewusst?) gebrochen?

              Empfindet Ihr die Geschichte - unabhängig von Inhalt und Stil - als handwerklich gut geschrieben?

              Sind die weißen Blumen eine Metapher, und wenn ja, wofür?

              Falls Ihr andere Werke von Ursula Le Guin kennt: Ist diese Geschichte ein für sie typisches Werk?
              Always avoid alliteration.

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              • Tsaphyre
                Tsaphyre kommentierte
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                ah, es geht weiter, sehr gut! Hoffentlich finde ich im Lauf der nächsten Woche wieder etwas Zeit. Ich habe mich weiter mit der Geschichte beschäftigt und mir inzwischen ein recht klares Bild davon gemacht, wie ich sie verstehe. Bin gespannt, ob sich das Bild beim zweiten Lesen bestätigen wird oder nicht.

            • #13
              Welche der allgemeinen Merkmale einer Kurzgeschichte erkennt ihr in "Der Tag vor der Revolution" wieder? Mit welchen wird (bewusst?) gebrochen?
              Ich bin mal der Bösewicht, der anfängt. Aber ich hatte solche Schwierigkeiten mit der Story ... Ich bin sicher nicht sonderlich hilfreich.
              - Hintergrundwissen wird mit einem spotzenden Presslufthammer umhergesprüht.
              - Eine Pointe seh ich nicht. Auch kein besonderes Ereignis in ihrem Leben, was immer da bevorstehen mag.
              - Obwohl Ortsnamen fallen, kann ich die Story nicht lokalisieren, von daher passt's schon.
              Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob sich die Kriterien, die wir im Deutschunterricht für KG lernen, mit denen der Short Story anglophoner Autoren sehr decken. Von daher weiß ich nicht, ob sie bricht oder nicht ...

              Empfindet Ihr die Geschichte - unabhängig von Inhalt und Stil - als handwerklich gut geschrieben?
              Für mich ist Handwerk von Stil und Inhalt nicht so zu trennen ... Was für handwerkliche Dinge meinst Du?
              Dass sie das abschweifende Denken einer alten Dame gut dargestellt hat? Schon, aber schrecklich war es für mich trotzdem, denn es hat für mich das Lesen unangenehm, ja sogar uninteressant gemacht. (Mag daran liegen, dass ich ungeduldig bin und AUF DEN PUNKT kommen will).

              Sind die weißen Blumen eine Metapher, und wenn ja, wofür?
              *seufz* Ich weiß nicht einmal, was Thema der Story war. Und der Schreibstil schreckt mich von jedem Nachdenken über das, was sie gemeint haben könnte, ab.

              Falls Ihr andere Werke von Ursula Le Guin kennt: Ist diese Geschichte ein für sie typisches Werk?
              Ich hab "Freie Geister" angefangen zu lesen, und obwohl es für mich schwer ist, komme ich dort immerhin hinein. Von daher, vielleicht nicht.

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              • Alys II.
                Alys II. kommentierte
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                Danke! Generell finde ich in den Leserunden Kritik ja immer interessanter - wenn wir unisono irgendein Werk anschmachten, dann lernen wir ja nie was draus. Und ich sehe die Leserunden tatsächlich eher als Gelegenheit, etwas zu lernen - zum Vergnügen liest schließlich sowieso jeder von uns.
                Ja, den Hintergrundwissen-Presslufthammer hab ich auch gesehen, und der hat mich auch gestört!
                Ich stimme Dir auch zu, dass man angloamerikanische short stories nicht zwingend mit deutschen Kurzgeschichten gleichsetzen kann. Aber ein paar grobe Gemeinsamkeiten gibt's schon.
                Mit Handwerk unabhängig von Stil meinte ich erstmal solche Sachen wie: erkennt man den Prota, erkennt man die Funktion anderer Charaktere, erkennt man einen Plot? Gibt es Logiklöcher in der Geschichte? Hat sie einen Sinn?

              • Dodo
                Dodo kommentierte
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                Ah! Danke für die Erläuterung 😬
                Tja, ich sag mal, mir fehlt der Plot.
                Die Prota ist wohl eindeutig, aber ich kann den genannten Namen und anderen Figuren keine wirkliche Rolle für die ... Story (?) zuweisen.

            • #14
              Ich hatte den Text die Tage jetzt nicht zu Ende gelesen... und es hat mich auch nicht wirklich gereizt, muss ich zugeben. Immerhin habe ich nicht mehr erwartet, als dass es so weiter geht, dass Laia dauernd in ihre Vergangenheit absinkt, dass sie wieder vom 100stel ins 1000stel gerät. Das war auch beim zweiten Teil der Fall. Und dann noch ihre Männergeschichten... hat wirklich den Charme von den alten Zeiten, als Frauen von ihren Männern abhängig gewesen waren. Keine Ahnung, warum eine ca. 70jährige einen 30jährigen gefallen muss.
              Etwas Abwechslung, als sie dann durch die Stadt taumelt, sich wohl ein letztes Mal umschaut, sinniert wer sie ist, was sie vollbracht hat etc. Der Schluss war dann schon vorhersehend. Warum sonst sollte uns die Autorin dauernd in Erinnerungen von Laia entführen, wenn sie es später nicht mehr kann?

              Welche der allgemeinen Merkmale einer Kurzgeschichte erkennt ihr in "Der Tag vor der Revolution" wieder? Mit welchen wird (bewusst?) gebrochen?
              Nun ja, es ist aus der personellen Sicht geschrieben, der Text recht kurz, geradlinig auch, wenn man davon absieht, dass ihre Gedanken auch als Minirückblenden herhalten können und es war schon eine Beschreibung ihres jetzigen Alltags. Der unmittelbare Einstieg in die Geschichte war auch gegeben.
              Das Ende fand ich jetzt nicht so offen und eine Pointe habe ich nicht gesehen. Man hat schon einen ziemlich starken Einblick in die Welt bekommen und Laia hat hier als "Alltagsperson" statt als "Heldin" agiert. Diese ganzen Nebencharaktere waren etwas nervig, da sie kurz über diese geschrieben hat und man dennoch das Gefühl hatte, dass sie keinerlei Bedeutung für die Geschichte hatten. Bedeutend war nur ihr toter Mann.

              Empfindet Ihr die Geschichte - unabhängig von Inhalt und Stil - als handwerklich gut geschrieben?
              Ich denke, an sich ja. Ob es Logiklöcher gibt, weiß ich nicht. Innerhalb der Kurzgeschichte sind mir jetzt keien aufgefallen, aber als die Prota ins Schwafeln gekommen ist, war ich auch nicht wirklich aufmerksam. Es kam mir so vor, als wollte Laia mal kurz in diesem Text ihr ganzes Leben beschreiben und da ich die Hauptgeschichte nicht kenne, war es für mich teilweise schwierig bei Konzentration zu bleiben, wenn Dinge erwähnt wurden, die für die Kurzgeschichte recht uninteressant waren.
              Ob die Geschichte einen Sinn hat... schwer zu sagen, für mich eher weniger. Vielleicht ist der Sinn der Geschichte, dass man diese Figur nochmal aus einem anderen Blickwinkel darstellen möchte. Kommt Laia in der Hauptgeschichte vor? Ist sie dort die Prota oder eine wichtige Nebenfigur?

              Sind die weißen Blumen eine Metapher, und wenn ja, wofür?
              Wahrscheinlich. Ich nehme mal an, dass sie bereits am Anfang andeuten, auf was das hinausläuft. Wären es weiße Lilien gewesen, wäre es ja noch eindeutiger gewesen.

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              • #15
                Persönlich kam ich gut in die Geschichte hinein. Der Text liest sich flüssig, der Stil gefällt mir persönlich und ich mag es auch, wenn ein so personaler Erzähler die Gedanken der PoV-Figur "authentisch" erzählt. Also in einer Form, dass es klingt wie echte, spontane Gedanken - auch wenn hieran natürlich alles andere als echt oder spontan ist.
                Ich schreibe selbst so und fühlte mich hier also wie Zuhause.

                Welche der allgemeinen Merkmale einer Kurzgeschichte erkennt ihr in "Der Tag vor der Revolution" wieder? Mit welchen wird (bewusst?) gebrochen?
                Natürlich ist das ein Text mit geringem Unfang und einem unmittelbaren Einstieg und einem offenen Ende etc. Es ist formal eine Kurzgeschichte.
                Interessant ist eher, wie Zeit erzählt wird. Natürlich sind wir in einer Gegenwart und es werden nur wenige Stunden aus Laias Leben erzählt. Aber durch ihre abschweifenden, zurückblickenden Gedanken wird auch aus ihrer Vergangenheit berichtet. Nicht stringent und vermutlich auch nicht in Tatsachen, aber ihr Gefühl über die Vergangenheit wird dargestellt. Das passiert in Kurzgeschichten eher weniger.
                Genauso wie es hier am Ende keine Pointe gibt. Kurzgeschichten haben ja oft etwas, wo sie drauf hinauslaufen. Es kommt oft anders, als man denkt, aber etwas kommt. Hier kommt augenscheinlich nichts. Oder zumindest nichts für Laia Odo.
                Doch die Revolution, die kommt, nur woanders und mit anderen Leuten - das ist eine andere Geschichte.
                Das finde ich eine interessante Weise, an diese Geschichte heranzugehen. Laia Odo hat ihr ganzes Leben für die Revolution gekämpft, war auf der Straße zuhause, immer gegen die Autoritäten gewettert usw, aber jetzt wettert sie nur noch gegen sich selbst und das Alter und dagegen kann sie nicht revolutionieren, das muss sie ertragen. Damit tut sie sich schwer. Das ist die Geschichte und die hat kein Ende, nur weil die Erzählung aufhört. Alter hat keine Pointe.

                Empfindet Ihr die Geschichte - unabhängig von Inhalt und Stil - als handwerklich gut geschrieben?
                In meinen Augen, ja. Ich finde den Text eingängig, nachvollziehbar und berührend. Vielleicht liegt das auch am Stil, das ist nicht immer leicht zu trennen.
                Ich finde allerdings auch, dass man an einer Kurzgeschichte nicht viel falsch machen kann, handwerklich gesehen.

                Sind die weißen Blumen eine Metapher, und wenn ja, wofür?
                Vermutlich. Ich denke mal für Vergangenheit. Das ist aber schwer zu sagen, da wir nur wenige Textstellen haben und es auch unklar ist, ob sich hier an "etablierte" Blumenbedeutungen gehalten worden ist und solche Gedanken.
                Ayo, my pen and paper cause a chain reaction
                to get your brain relaxin', the zany actin' maniac in action.
                A brainiac in fact, son, you mainly lack attraction.
                You look insanely whack when just a fraction of my tracks run.

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                • #16
                  Ich finde es traurig, dass sie Taviris Briefe nicht behalten hat. Sowas können schöne Erinnerungen sein, auch wenn sie nach dem Verlust des Partners auch wehtun können. Sentimental hin oder her, sowas hebt man auf, wenn man liebt. Und immerhin küsst sie diese doofe Mappe. Wäre es nicht sinnvoller, einen Brief zu küssen, in dem Liebesbekundungen an sie stehen? Allerdings verwirrt mich, dass sie nie etwas länger als ein paar Jahre besessen hat. Die Mappe mit Taviris Handschrift darauf muss ja deutlich älter sein.
                  Als Laia ihren Knoten kontrolliert, sieht man zum ersten Mal wirklich, wofür sie gekämpft hat. Da kommt die 20-jährige Amai hinzu und hilft ihr einfach. Es ist selbstverständlich für sie. Und so charakterisiert Laia sie schnell als still, frei und schön wie die schöne, friedfertige Zukunft, für die sie gekämpft hat.
                  Diese Geste bringt Laias rechtes Auge, das, das laut ihrer Aussage seit dem Schlaganfall langsam geworden ist, zum Weinen. Irgendwie finde ich diese Reaktion gesund und normaler als die des linken Auges, das sich nicht darum schert, was gerade geschieht.
                  Noi kommt, um sich Briefe von ihr diktieren zu lassen, aber es fällt ihr schwer. Schließlich bittet sie ihn, den zweiten Brief einfach zu schreiben, damit sie ihn unterschreibt. Mehr schafft sie an diesem Morgen nicht mehr und irgendwie ist sie auch gereizt, meint, sie habe anderes zu tun. Das stimmt eigentlich nicht, aber nachdem Noi weg ist, wird ihr klar, dass sie wirklich etwas tun will. Sie will raus, einen Spaziergang machen und die erkämpfte Freiheit auch einmal genießen, statt immer nur davon zu reden.
                  Auf den Straßen fühlt sie sich wohl. Dort gehört sie hin. Zu den Menschen, die niemand will. Aber sie ist zu alt, um zu bleiben. Jemand aus dem Haus, in dem sie lebt, sieht sie, als sie sich auf dem Rückweg ausruht, und bringt sie nach Hause. Ein Aufstand wird geplant, aber Laia hat nicht vor, dabei zu sein. Das Ende klingt, als würde sie in dieser Nacht sterben und endlich wirklich frei sein.

                  Welche der allgemeinen Merkmale einer Kurzgeschichte erkennt ihr in "Der Tag vor der Revolution" wieder? Mit welchen wird (bewusst?) gebrochen?
                  - geringer Umfang der Textlänge
                  - unmittelbarer Einstieg in die Geschichte, nur selten mit vorgeschalteter Einleitung
                  - offenes Ende, aber gerne mit einem Plot-Twist oder einer Pointe
                  - erzählte Zeit ist linear und schildert oft nur wenige Minuten oder Stunden
                  - es wird wenig Hintergrundwissen über die Charaktere und die Welt vermittelt
                  - knappe Handlung, die oft Alltagsthemen der Protagonisten beschriebt, aber ein besonderes Ereignis in den Mittelpunkt der Geschichte stellt
                  - wenige Hauptpersonen, die eher "Alltagspersonen" als "Helden" sind
                  - Schauplatz der Geschichte wird oft nicht benannt
                  - oft personaler Erzähler
                  - oft sind in der Geschichte Metaphern und Leitmotive eingebaut
                  Ich denke, da ist alles erfüllt, mal vom auktorialen Erzähler abgesehen, da hier personal erzählt wird. Die Zeit verläuft prinzipiell linear. Nur der Traum und die vielen Erinnerungen könnten als Zeitsprünge durchgehen.

                  Empfindet Ihr die Geschichte - unabhängig von Inhalt und Stil - als handwerklich gut geschrieben?
                  Vielleicht war es das damals. Vielleicht muss man auch ein Wissen besitzen, um das Handwerk dahinter erkennen zu können. Ich kann ihr folgen, aber vieles verstehe ich nicht. Gutes Handwerk bedeutet aber auch, dass man die Geschichte wirklich versteht. Ich habe das Gefühl, dass zu vieles an mir vorbei geht.

                  Sind die weißen Blumen eine Metapher, und wenn ja, wofür?
                  Vermutlich ja. Vielleicht für Unschuld oder ihre verlorene Jugend. Aber sicher bin ich mir da gar nicht.

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