»Da ist aber ein Perspektivfehler drin.« Lea beugt sich über mein Manuskript und tippt auf die Textstelle. »Dein Protagonist kann gar nicht sehen, was hinter seinem Rücken geschieht.«

»Dohoch!«, widerspreche ich. »Ich schreib ja in der Er-Perspektive!«

»Er-sie-es-Perspektive, wenn schon … Aber!« Mit diabolischem Grinsen zückt sie meinen, jawohl, meinen (!) Rotstift und kringelt wahllos Wörter ein. »Hier … hier und hier. Auch wenn die dritte Person Singular einen glauben lässt, dass es sich um einen homodiegetischen Erzähler handeln könnte – aber es ist die Autodiegese –, weist die erlebte Rede auf die interne Fokalisierung hin.«

»Wie bitte?!«

»Deine Lektorin wird es nicht gut finden, wenn du mehrere Satzzeichen hintereinanderklatschst. Wir sind doch nicht bei Facebook.«

»Mehrere? Das waren exakt zwei. Und außerdem heißt das Interrobang!!!!«

»Dein Fragerufzeichen geht übrigens so, verstanden‽ Ferner besteht es aus exakt einem Zeichen.«

Ich sauge die Luft scharf durch die Nase ein. Die Radierkrümel auf dem Tisch erzittern. Lea hingegen lächelt und lässt sich nicht von meinem Schnaufen verunsichern. Mein Blick pendelt zwischen meinen filigranen Bleistiftnotizen am Rand und ihren lektorenroten Lassos, die meinen Worten der Freiheit berauben. Es reicht ja schon, dass Lea mich überzeugt hat, meinen Protagonisten nicht über seine eigene Haarfarbe und Augenfarbe sinnieren zu lassen. Dabei ist Paraiba-Turmalin-Grün so sexy.

Heimlich wühle ich in meiner Handtasche nach dem Handy und gebe unterm Tisch die Suchanfrage »was zum Teufel ist interne Fokalisierung OR Autodiegese« ein. Nach 0,53 Sekunden spuckt mir Google ungefähr 39.900 Ergebnisse aus. Diese Erzähltheorie stammt von einem Literaturwissenschaftler aus der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg.

Aha.

Ich schlage die Hände vor die Augen, um zu verbergen, dass ich sie verdrehe. »Lea-Schatz‽ Dein Homoautodiegesenfokus-Typenkreis ist ein veraltetes Modell von einem alten Typen –«

»Moment«, unterbricht sie mich. »Du wirfst gerade Genette und Stanzel durchein–«

»Das ist mir so was von egal«, unterbreche ich sie zurück, denn ich will das letzte Wort haben. Wörter sind für Autoren lebenswichtig. Und das letzte Wort gibt 3W8 + 8 Lebenspunkte.

Mitleidig legt meine Autorenkollegin die Hand auf meinen Unterarm – schnell lasse ich das Handy in die Tasche zurückgleiten, damit sie nicht merkt, dass ich recherchiert habe – und klaut mir mit einem resignierten Seufzen die letzten Wörter.

»Selbst wenn du nicht die Schönheit der Erzähltheorie begreifen möchtest, solltest du zumindest die Grundlagen kennen.«

Ich tu so, als würde ich zustimmend nicken, reiße währenddessen die Ecke von meinem Manuskript ab und stecke mir das Stückchen Papier mit dem Aufdruck »Ende« in die Hosentasche.

Das letzte Wort gehört mir.


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Die Erzählsituationen



Ich werde den Begriff Erzählsituation benutzen, obwohl der »Erzählperspektive« geläufiger ist und obwohl dieser Begriff von F. K. Stanzels Modell stammt, welches für eine genaue Analyse nicht ausreichend ist. Aber das soll uns gar nicht stören; wir wollen ja nicht Literaturwissenschaftler spielen, sondern Romane schreiben.

Die Erzählsituation beinhaltet:
  • Erzählmodus,
  • Erzähler/Person,
  • Erzählperspektive.
Wenn jemand fragt, aus welcher Sicht bzw. Perspektive man denn schreibe, ist nicht eindeutig, ob Modus, Person oder Perspektive gemeint ist. Falls man wissen will, ob auktorial oder personal geschrieben ist, fragt man nach dem Modus. Falls man wissen will, ob die Geschichte einen Ich- oder Er/Sie-Erzähler hat, fragt man nach dem Erzähler bzw. nach der Person (1. Person oder 3. Person).

Nach der Erzählperspektive wird eigentlich selten gefragt. Die Perspektive (englisch: point of view) ist wie die Kameraeinstellung. Sie beschreibt die Distanz zur Figur. Mit der Wahl der Perspektive entscheidet man sich, wie nah man an der Figur dran ist. Die Perspektive, die am nächsten an der Figur ist, sozusagen in ihrem Kopf sitzt, nennt man »Deep Point of View«.

Wie man die Kamera einstellt und mittels verschiedener Erzähltechniken Nähe bzw. Distanz zur Figur schafft, erkläre ich ein anderes Mal. Jetzt geht es um die Erzählsituation.


Auktoriale Erzählsituation

Der auktoriale Erzähler ist allwissend, er befindet sich außerhalb der fiktionalen Welt. Er kennt den Ausgang und das Ende der Geschichte. Er weiß was zwischen den Szenen im Off passiert. Er kennt das Innenleben – die Wünsche, Bedürfnisse, Stärken und Schwächen, Lügen und Traumata – der Figuren, während sie sich deren nicht einmal bewusst sind. Er kann somit dem Leser erläutern, weshalb die Figur so tickt und handelt.

Der auktoriale Erzähler entscheidet, welche und wie viele Informationen und Appetithäppchen er dem Leser gibt. Er bestimmt das Erzähltempo, kann in die Zukunft blicken oder in der Vergangenheit wühlen und im direkten Dialog mit dem Leser auf Probleme hinweisen oder zum Nachdenken anregen. Er kann sogar so tun, als würde es genauso wenig wie der Leser wissen.


Personale Erzählsituation

Der personale Erzähler ist ganz nah an der Perspektivfigur. Man kann das gut mit der Third-Person-Perspektive im Computerspielen vergleichen. Während der auktoriale Erzähler alle Figuren kennt, ist man beim personalen Erzähler an die Sicht einer Figur gebunden – wobei man die Figur aus der Vogelpespektive beobachten, über die Schulter oder sogar durch deren Augen sehen kann. Diese Innensicht ist so nah an der Figur, dass sie mit der (personalen) Ich‑Perspektive gleichgesetzt werden kann.


Ich‑Erzählsituation

Auch beim Ich‑Erzähler gibt es die auktoriale und personale Perspektive. Befindet sich der Erzähler innerhalb der Geschichte, ist die Erzählsituation personal. Außerhalb der Geschichte befindet er sich, wenn er zum Beispiel nacherzählt, was er erlebt hat, oder wenn er sich an den Leser wendet. Diese Erzählsituation ist auktorial. Es gibt auch Romane mit personalen Ich‑Erzählern, die ihre eigene Situation kommentieren, sogar das Resultat kennen. Wenn dies passiert, rutscht der personale Ich‑Erzähler in die auktoriale Perspektive.


Neutrale Erzählsituation

Der neutrale Erzähler ist ein stiller Beobachter und schildert, ohne zu werten, was er sieht. Er verzichtet auf Rückblicke, Vorausdeutungen und persönliche Meinung. Es entsteht keinerlei Emotionen, Nähe oder Bindung zur Figur. Die neutrale Perspektive eignet sich nicht, um Unterhaltungsromane zu schreiben.


Hier ein kleines Beispiel:

Auktoriale Erzählsituation
Da sein Kollege ihm wie jeden Morgen die Parklücke weggeschnappt hatte, fühlte er sich frustriert. Auf dem verlängerten Fußweg zu seiner Arbeitsstelle, welches eine wiederholte Verspätung mit sich zog, äußerte sich der Frust durch einen Wutausbruch, bei dem er sich an einer Mülltonne ausließ. Als er wahrnahm, wie sie mit einem lauten Scheppern auf den Boden aufschlug, zuckte er zusammen.
Personale Erzählsituation
Warum schnappte ihm dieser Mistkerl jeden Morgen den Parkplatz weg? Jetzt würde wieder zu spät kommen! Auf dem Fußweg zur Arbeitsstelle trat er mit einem Aufschrei gegen eine Mülltonne. Als sie scheppernd auf den Boden aufschlug, zuckte er zusammen.
Ich‑Erzählsituation
Warum schnappt mir dieser Mistkerl jeden Morgen den Parkplatz weg? Jetzt werde wieder zu spät kommen! Auf dem Fußweg zur Arbeitsstelle trat ich mit einem Aufschrei gegen eine Mülltonne. Als sie scheppernd auf den Boden aufschlug, zuckte ich zusammen.
Beim Ich‑Erzähler habe ich nicht die erlebte Rede, sondern die direkte Gedankenrede (kursiv) benutzt, weil sie mir natürlicher erscheint. Natürlich kann da genauso gut im Präteritum “Warum schnappte mir dieser Mistkerl jeden Morgen den Parkplatz weg?” stehen. Das hat an sich nichts mit der Erzählsituation zu tun, sondern ist ein Spiel mit der Distanz.

Und noch ein Beispiel:

Auktoriale Erzählsituation
Lolo musste den Drachen töten. Sie musste die Ehre ihrer Familie wiederherstellen. Als sie vor der Höhle stand – ihres Sieges gewiss –, ahnte sie nicht, dass ihre Schwertkünste nicht zum Einsatz kommen würden, weil eine Migräneattacke sie niederstrecken würde.
Der auktoriale Erzähler kennt bereits die Zukunft und kann dem Leser diese Information geben, bevor dieser sie gemeinsam mit der Romanfigur erlebt. Er kann dem Leser auch erläutern, welche Gedanken echt und welche eingebildet sind. So kann er anstatt »Sie musste die Ehre ihrer Familie wiederherstellen« zum Beispiel »Sie glaubte, die Ehre ihrer Familie wiederherstellen zu müssen« sagen. Das bedeutet, dass die Hauptfigur ein falsches Ziel verfolgt, sich aber darüber noch nicht bewusst ist.

Personale Erzählsituation
Lolo musste den Drachen töten! Sie musste die Ehre ihrer Familie wiederherstellen. Nun stand sie vor der Höhle, das Schwert fest in beiden Händen. Die Aufregung kribbelte ihr hinter der Stirn; so atmete sie durch und trat ein.
Während der auktoriale Erzähler genau weiß, ob Lolo tatsächlich die Ehre wiederherstellen muss oder es nur glaubt, hat Lolo diese Erkenntnis noch nicht gewonnen. Sie ist sich sicher, es tun zu müssen. Zudem weiß sie auch noch nichts von ihrer Migräne; sie interpretiert das Kribbeln als Aufregung.

Ich‑Erzählsituation (auktorial)
Ich musste den Drachen töten. Ich musste die Ehre meiner Familie wiederherstellen. Dann stand ich vor der Höhle – meines Sieges gewiss –, und ahnte nicht, dass meine Schwertkünste nicht mal zum Einsatz kommen würden. Scheiß Migräne, sag ich euch.
Ich-Erzähler sind von der Erzählhaltung (Ausdrucksweise) her oft wertender als auktoriale Erzähler, die außerhalb der Geschichte stehen. »Meine Schwerkünste« hat einen selbstironischen Unterton, und »scheiß Migräne« ist umgangssprachlicher als es sich manche auktoriale Erzähler in der 3. Person trauen würden. Diese erklären im steifen »tell«, dass eine Migräneattacke Lolo niederstrecken werde, während Lolo in der 1. Person im schönsten »Show« ihre Migräne verflucht.

»Show don’t tell« ist eine Umsetzung innerhalb der Erzählhaltung. Die Erzählsituation schreibt nicht vor, ob »tell« oder »show« benutzt werden muss.

Ich‑Erzählsituation (personal):
Ich musste den Drachen töten! Ich musste die Ehre meiner Familie wiederherstellen. Nun stand ich vor der Höhle, das Schwert fest in beiden Händen. Die Aufregung kribbelte mir hinter der Stirn; so atmete ich durch und trat ein.
Ich fasse euch noch mal in einer Tabelle die Unterschiede zwischen auktorialer und personaler Erzählsituation zusammen:
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Auktorial Personal
außerhalb der Welt innerhalb der Welt
Abstand zum Erlebten mitten im Gesehen
kann in der Handlung springen kann sich höchstens erinnern
lenkt den Leser bewusst lenkt den Leser unbewusst durch die eigene Auffassung
allwissend; weiß, was im Off passiert weiß nur, was er sieht und selbst erlebt
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Für welche Geschichten eignen sich die verschiedenen Erzählsituationen?


Wer eine Geschichte zum Eintauchen und aus den Augen der Hauptfigur das Geschehen erleben möchte, für den eignet sich die personale Erzählperspektive. Die auktoriale Perspektive ist bei Geschichten praktisch, bei denen die Leserschaft mehr wissen soll als die Figuren – zum Beispiel wenn die Figur den Schauplatz verlässt, der Mörder aber immer noch kichernd in der dunklen Ecke sitzt. Der neutralen Erzähler eignet sich für Berichte oder hochliterarische Texte.

Ich würde in heutigen Unterhaltungsromanen auf den auktorialen Erzähler verzichten, da man durch die personale Perspektive viel näher am Geschehen und an den Emotionen der Figuren ist – und das schafft Spannung und Bindung! Zudem sind die meisten an Leser an die personale Perspektive gewöhnt, ein auktorialer Erzähler (vor allem, wenn er nicht 100%ig sauber geschrieben ist) wirkt wie ein Perspektivfehler.