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Spannungsbogen - alternativlos?

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    Spannungsbogen - alternativlos?

    Ich habe lange überlegt, wie ich diese Frage formulieren soll, seit es in meinem Konfettithread aufgekommen ist.

    Die Kurzfassung ist - jede Geschichte, egal wie kurz oder lang, folgt irgendwie dem klassischen Spannungsbogen. Es wird in den ersten Seiten ein Problem dargestellt, das den Leser interessieren soll, dann wird das Problem zunehmend schlimmer oder es kommen weitere Probleme dazu, die Spannung steigt stetig an, dann gibt es einen Höhepunkt, eine Erleuchtung, einen Endkampf, das Problem wird gelöst und die Kurve fällt steil wieder zu Boden.

    Es scheint die einzige Art zu sein, wie eine gute Geschichte erzählt werden kann.
    Mich stört das aus zwei Gründen:

    1.) Meine geistige Gesundheit ist gerade nicht so glänzend, und die Spannung nimmt mich zu sehr mit.
    Wenn ich mit den Charakteren mitfühlen kann und die Geschichte mich packt, kann ich das Buch nicht weglegen, weil ich sonst schlecht bis gar nicht schlafen oder mich beruhigen kann. Wenn ich mich distanzieren und zu lesen aufhören kann, ist das Buch langweilig.

    2.) Das echte Leben funktioniert so nicht.
    Ich habe als Kind mit großen Augen jede Geschichte verfolgt, in der Charaktere mit meinen Problemen kämpfen. Natürlich in der Hoffnung, gute Tipps zu finden, wie ich an mir arbeiten kann. Meine Schüchternheit überwinden, zum Beispiel. Leider gab es keine guten Tipps, nur Deus-Ex-Machina-Lösungen: Der schüchterne Charakter wird in eine fremde Welt geworfen, wo lustige Wesen ihm zeigen, dass er keine Angst haben muss? Passiert nicht. Wir bleiben in einem Realitätsnahen Setting und der Charakter darf sich in einem once-in-a-lifetime Notfall beweisen? So ein Glück muss man erstmal haben.

    Natürlich finde ich den Spannungsbogen auch in der Realität - die Spannung vor einem gruseligen Termin zum Beispiel baut sich auch langsam auf, um dann, wenn der Zahnarzt doch nett war, steil zu fallen. An anderer Stelle dümpelt man aber ganz spannungslos vor sich hin, bis einem aus dem Nichts jemand ins Auto fährt. Eine realistische Spannungslinie geht also eher wie beim DAX, unvorhersehbar rauf und runter und gelegentlich auch mal ins Negative.

    Natürlich wäre das für den Leser entsprechend unspannend, trotzdem würde gerne wieder mehr lesen, ohne mich zu sehr aufregen zu müssen. Deswegen frage ich mich, insbesondere im Bezug auf Punkt 1, ob es nicht Formate oder Optionen gibt, die vom klassischen Spannungsbogen abweichen. In (Fernseh-/Kinder-)Serien oder Internetcomics findet man sowas als Slice-of-Life, aber gibt es sowas in Prosa? Ginge das überhaupt, oder wäre das ohne Bilder zu langweilig, um sich zu verkaufen?

    Was meint ihr?

    #2
    "Schatz, was hast du heute so gemacht?"
    Ehrliche Antworten darauf und Tagebucheinträge wären wohl das nächste an einer spannungslosen Aufzählung, was mir einfiele. Dann lieber die kurze Wahrheit: "Nichts von Bedeutung."

    Aber niemand füllt einen Roman mit "nichts von Bedeutung".
    (Ich geh einfach mal von der Erzählform Roman aus.)

    Eine Geschichte lebt imA von Kausalität und Konsequenz. Dramaturgie. Choreographie. Der Überraschung.
    Die beste Überraschung verballert man doch eigentlich nicht ganz am Anfang, oder? Kann man aber natürlich machen, solange danach noch mehr von Bedeutung kommt. Im Idealfall natürlich logisch bedingt aus dem Vorangegangenen.
    Wenn es jeweils unabhängige bedeutungsvolle Dinge sind, landet man wohl eher im Bereich von Kurzgeschichten / Anekdoten. Auch daraus kann man einen Roman basteln. Sergej Lukianenko ist da mE so ein Spezialist, der mal einen Handlungsstrang abbricht und einfach woanders weitermacht. (Und nein, das sind keine Cliffhanger, das sind Abstürze ... Habe da schon häufiger verblüfft umhergeblättert, ob Seiten fehlen. Nein, ist halt sein Stil. Nervt mich. Aber der Rest gleicht es aus).

    Ich würde "Spannungsbogen" auch nicht mit einem ständigen Unter-Strom-Stehenmüssen des Lesers gleichsetzen. Der Spannungsbogen sorgt eher dafür, dass der Leser, im Zweifel gemütlich eingekuschelt und Kaffee/Tee/Kakao in Reichweite, umblättern möchte. Mehr erfahren. Die Geschichte genießen. Das geht auch langsam, ohne vegetative Symptome beim Leser hervorlocken zu wollen. Je nach Genre kann das aber natürlich begleitet sein von Fingernägelkauen, Popcorntüte, Taschenlampe unter der Bettdecke oder mit dem Buch auf der Nase einschlafen.
    Langsam bedeutet aber nicht, dass man als Autor die Lizenz zum Langweilen (= Erzählen von Bedeutungslosem) erwirbt. Wenn der Leser aus der Geschichte driftet, wird es "gefährlich", dass er das Buch weglegt und nicht wieder anfasst. Langsam heißt aus Leserperspektive: "Ich freu mich aufs Weiterlesen (aber jetzt muss ich schlafen/essen/zur Arbeit/etwas anderes tun"), Betonung auf "weiter". Weiterlesen setzt voraus, dass auch weiter erzählt wird.

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    • SoraNoRyu
      SoraNoRyu kommentierte
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      Vielleicht lese ich einfach die falschen Genres, weil ich mich an dem festhalte, was ich vor meinem Burnout gern gelesen habe, oder vielleicht lasse ich mich zu sehr mitnehmen, auch wenn es nicht ums nackte Überleben geht. Das letzte Buch, das ich gelesen habe, ging tatsächlich recht entspannt, da die Autorin mit der Reihe recht vorhersehbar geworden ist - ich will nicht sagen, es wäre nicht spannend gewesen (die Aufklärung des Krimis war ja ganz interessant), aber ich war mir ausreichend sicher, dass den wichtigen Figuren nichts passieren würde.

      Hättest du denn ein paar Beispiele für interessante Geschichten, die man gut pausieren kann? Ich kann mir gerade nicht vorstellen, wie das gehen soll, ohne, das die Geschichte ihren Zweck verfehlt.

    • Badabumm
      Badabumm kommentierte
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      "Interessante" Geschichten verhalten sich meist proportional zum Spannungsbogen. Leider... Als Beispiele, die etwas langsamer daherkommen, fallen mir z.B. "Herr Lehmann" oder "Neue Vahr Süd" von Sven Regener, "Die Frau des Zeitreisenden" von Audrey Niffenegger, "Zusammen ist man weniger allein" von Anna Gavalda oder "Das Jahr der Flut" von Margaret Atwood ein. Es ist nicht so, dass nichts passiert, aber ich konnte bei allen Büchern Pause machen.

      Vielleicht ist es aber auch ein Charakterzug des Alters. Das "Verschlingen" von Büchern kenne ich von früher nur zu gut, aber heute kann ich jedes Buch weglegen. Der Genuss geht dadurch nicht verloren, sondern er wird sogar gestreckt. Es ist wie ein Schachspiel über lange Zeit, bei dem das Warten auf den gegnerischen Zug dazugehört...

      Sehr gut geeignet sind auch historisierende Romane wie z.B. "Die Entdeckung der Langsamkeit" von Sten Nadolny. Hier ist der Titel Programm. Aber aus anderen Gründen.

    • Dodo
      Dodo kommentierte
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      Siegfried Lenz "Die Deutschstunde"
      Anita Shreve "Die Frau des Piloten"
      Linus Reichlin "Keiths Probleme mit dem Jenseits"
      Castle Freeman "Männer mit Erfahrung"
      Paul Auster "Smoke"
      Douglas Adams "Der lange dunkle Fünfuhrtee der Seele"

    #3
    Ich denke, wenn ich ein Buch zur Hand nehme, dann möchte ich etwas erleben, das ich in meinem Alltag nicht erlebe. Sogar Dinge, die ich in meinem Alltag gar nicht selbst erleben wollte, wie ein Mordfall oder ein Beziehungsdrama oder wilde Actionszenen, die ich von der Sicherheit meines Sofas aus verfolgen kann. Natürlich können darin auch Alltagsszenen vorkommen, die mich näher an die Figuren bringen, weil ich mein Leben darin wiedererkenne. Aber es sollte halt darüber hinausgehen, denn wenn es nur meinen (oder einen) Alltag schildern würde, dann kann ich den ja auch ohne Buch haben.

    Vor allem aber denke ich, sollte das Buch mir in irgendeiner Form etwas geben. Das kann sachliches Wissen sein, das ich nicht hatte, oder philosophische Sichtweisen, die ich so noch nie betrachtet habe, oder ungewöhnliche Lösungen. Es ist natürlich schön, wenn ich diese Dinge in meinem eigenen Leben anwenden kann, aber ich glaube, darum geht es gar nicht. Der Punkt ist der, dass die Figur ihr Problem löst und ich die damit verbundene Erleichterung und Befriedigung mitempfinden kann. Und diese Befriedigung und Erleichterung ist natürlich umso höher, je mehr für die Figur vorher auf dem Spiel steht und je härter sie darum kämpfen muss. Insofern gehören Konflikte dazu, denn sonst würde es ja reichen, die ersten 10 Seiten des Buches zu lesen, wenn auf den restlichen 120 auch nichts weiter passiert und sich das Leben der Figur nicht weiter ändert.

    Das muss nicht immer in der Form von atemberaubendem Drama daherkommen, bei dem ich um das Leben des Prota bange. Aber es muss schon eine Reise sein, innerlich oder physisch, bei der ich den Prota begleiten kann und zuschauen, wie er sich so schlägt. Bei der ich überlegen kann, wie ich in seiner Situation gehandelt hätte. Bei der ich bei den Rückschlägen mitfühlen kann (oder auch mal hämisch sein, je nach Prota). Kurz, bei der ich emotional involviert bin. Wenn die Figur statisch bleibt, bleiben auch meine Emotionen statisch, und das wird nach einer Weile einfach langweilig.

    Abgesehen davon, wenn eine Geschichte keinen Spannungsbogen hat, wo ist dann das logische Ende? Wenn der Prota kein Ziel hat, das er erreicht oder auch endgültig daran scheitert, wo ist der Abschluss? Warum sind die gezeigten Alltagsszenen wichtiger als die, die vorher oder danach nicht gezeigt werden? Irgendwas muss sie doch relevant genug machen, dass jemand ein belletristisches Buch darüber schreibt. Eine Schilderung des Normalzustandes wäre wohl eher Thema für ein Sachbuch oder so etwas. Ich habe zum Beispiel ein Buch hier neben mir im Regal mit dem Titel "Alltag im Mittelalter". Das ist interessant zu lesen, weil das ein Alltag ist, den ich nicht kenne, und wenn ich mich für dieses ganz andere Leben interessiere, dann muss das nicht unbedingt in einer Spannungskurve verpackt sein.
    Poems are never finished.
    Just abandoned.

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    • SoraNoRyu
      SoraNoRyu kommentierte
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      Ich lese ja ganz gerne mal über den Alltag anderer Leute, um meinen Horizont zu erweitern. Das liegt aber vielleicht vor allem daran, dass der Alltag der meisten Leute sich von meinem recht deutlich unterscheidet, und ich mir ohne diese zusätzlichen Informationen schwer tun würde, Smalltalk zu führen oder dem zu folgen. Das Interesse kommt für mich also daher, zu lernen, was andere Menschen bewegt und was diese für gegeben und wichtig halten. Ein Buch über jemanden, dessen Alltag meinem gleicht, habe ich bisher noch nicht gefunden.

      Das mit dem Prota mitfiebern und Abenteuer erleben, die ich im echten Leben nicht erleben wollen würde (oder mich nicht trauen würde), kann ich gut nachvollziehen. Ich denke mein Problem ist viel mehr, dass ich in meinem noch nicht so langen Leben schon zu viel erlebt habe, was mich so mitnimmt, und das Buch (vielleicht zum Glück) nicht einfach darüber zuschlagen konnte. So gesehen hatte ich schonmal einen großen Spannungsbogen und trotzdem kein logisches Ende - die Geschichte geht einfach weiter, bis man nach dem erleichternden Ende bemerkt, dass das Monster noch da ist und nie ganz weggehen wird, aber auch nicht mehr so groß werden darf, dass man es nochmal bekämpfen könnte. Vielleicht versauert mir das einfach im Moment den Spaß an Geschichten, deren glückliches Ende mir plötzlich genauso unbefriedigend erscheint.

      Man sucht ja letztendlich in der Literatur das, was man im echten Leben nicht hat - und ich hatte in letzter Zeit vielleicht einfach zu viel Action und zu wenig Alltag wie meinen.

    • Ankh
      Ankh kommentierte
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      Ich kenne es auch, dass manche Themen und Genres zu nah an persönlichen traumatischen Erlebnissen sind und ich das deswegen weder lesen noch schreiben will. Wobei ich beim Schreiben ja noch mehr Kontrolle darüber habe und mich da deswegen oft weiter vorwage. Aber es spricht nichts dagegen, eine Grenze zu ziehen und zu sagen "nee, das mag ich nicht lesen bzw. schreiben". Eine Geschichte kann auch ohne Monster funktionieren, und ganz sicher ohne die Monster, die dich persönliche verfolgen. Manche Autoren schreiben, um solche Dinge zu verarbeiten, andere schreiben bewusst in einer ganz anderen Ecke. Wenn du im Moment Alltagsschilderungen brauchst, dann ist es absolut in ordnung, die zu schreiben oder als Lektüre zu suchen.

      Auch ein offenes oder nicht-glückliches Ende ist ein Ende. Aber auch da hast du als Leser die Macht zu entscheiden "das ist (im Moment) nichts für mich." Der Unterschied zu "einfach schreiben ohne Struktur" wäre, dass es dennoch eine Art Abschluss hat. Ein Beschluss, von nun an auf diese oder jene Art mit dem Monster umzugehen, ist auch ein Abschluss, auch wenn das Monster bleibt. Es ist der Abschluss der Entwicklung, der dich zu diesem Punkt geführt hat, wo du diesen Beschluss treffen konntest. Und die Entwicklung dahin ist eben der Plot der Geschichte, der durchaus auch ohne nervenzerfetzender Spannung auskommen kann, aber eben nicht völlig ohne Konflikt Monster) und Entwicklung (einen Weg finden, wie man mit dem Monster umgeht).

    #4
    Man darf nicht langweilen. Ob es unbedingt ein Spannungsbogen sein muss? Es gibt auch Episodenromane, die hangeln sich von einer Geschichte zu anderen, wir nehmen da die Geschichten von Kaminer wie Russendisko, humorige Kurzgeschichten. Oder Männer in Kamelhaarmänteln von Elke Heidenreich hat auch keinen durchgängigen Spannungsbogen. Ich lese so etwas durchaus gern. Nebenbei sind beide Bücher recht erfolgreich.
    Wenn man Alltag erzählen will, dann sollte es irgendwie überraschen. 08/15 ist langweilig, dann lieber Alltag im Mittelalter.

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      #5
      Dieser klassische dramaturgische Spannungsbogen ist etwas Europäisches. (Wobei, wie schon erwähnt und erklärt wurde, die Spannung nicht auf übermäßigem Thrill oder heftigen Konflikten bestehen muss, sondern auch im kleinen Zwischenmenschlichen, Alltäglichen stecken kann.)

      Ich nehme anhand deines Usernamen mal an, dass die Manga und Anime und ostasiatische Filme/Dorama nicht fremd sind. Dein genanntes Genre "Slice of Life" findet man dort auch häufig.

      Während man im Westen mit der klassischen 3-Akte-Struktur plottet (darauf basiert auch die 5 Akte, die 7 Punkte, etliche Heldenreisen und Save the Cat usw.), gibt es in Japan und auch in China Kishōtenketsu. Yonkoma basieren darauf, aber eben auch japanische Filme wie die von Ghibli. Hinter "Slice of Life" steckt die Struktur Kishōtenketsu.

      Vielleicht die dieses Plotting-Schema was für dich?


      Die einzigen Menschen, die mich interessieren, sind die Verrückten,
      die verrückt leben, verrückt reden und alles auf einmal wollen,
      die nie gähnen oder Phrasen dreschen, sondern wie römische Lichter
      die ganze Nacht lang brennen, brennen, brennen.

      Jack Kerouac

      Kommentar


      • Badabumm
        Badabumm kommentierte
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        Könntest du vielleicht kurz erläutern, was mit Kishōtenketsu gemeint ist? Ich finde, auch alle Ghibli-Filme haben einen Spannungsbogen, einige mehr, einige weniger, zugegeben. Jedenfalls haben sie einen Beginn, eine Problemstellung, eine Zuspitzung, einen Höhepunkt und einen (abklingenden) Abschluss. Deshalb kann ich gerade den Unterschied nicht erkennen. Die Aufteilung in „Akte“ finde ich auch in westlichen Genres nicht immer wieder und auch nicht immer glücklich, ich glaube, dass diese Einteilung gewollt künstlich ist.

      • SoraNoRyu
        SoraNoRyu kommentierte
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        Das klingt schonmal mehr nach dem, was ich instinktiv gesucht haben könnte. Den Begriff werde ich mal Googeln, vielleicht bringt mich das weiter.

      #6
      Badabumm

      Ich kopiere mal aus dem deutschen Wikipedia und kommentiere darunter.

      1) Ki, die Einleitung als Darstellung des Themas,

      Im Regeldrama wird ebenfalls die Hauptfigur vorgestellt, aber vor allem den Status quo und der Konflikt angedeutet

      2) Shō, die Entwicklung zur Weiterführung des Themas,

      "Wir" kennen es so, dass die Hauptfigur aus ihrer Konfortzone gekickt wird; die Konflikte sind so stark, dass sie jetzt aufbrechen muss, um sich dem Gegner zu stellen oder die Welt zu retten. Deshalb empfinden wohl viele japanische Filme als langweilig und zäh, weil im Shō immer noch kein "Konflikt" auftaucht

      3) Ten, die Wende als überraschendes Element, das nur indirekt einen Bezug oder eine Verbindung mit dem Thema hat,

      Im klassischen Plotsystem sind die antagonistischen Kräfte so stark, dass die Hauptfigur einen Rückschlag erlebt, dann irgendeine Eingebung hat, neue Kräfte sammelt und dann um Endboss schreitet. "Ten" bedeutet ist der Twist, die Wende. Nachdem in Ki und Shô Spannung aufgebaut wurde – natürlich ist Spannung wichtig, es ist nur nicht dieses typische westliche Konflikt – werden die beiden Bilder in Ki und Shô nebeneinander gestellt und es ergibt sich ein anderes Bild. Also das, was wir als Plottwist kennen.

      Im japanischen Plotsystem arbeitet es also eher im Hirn der Rezipient*innen, als dass die Hauptfigur arbeitet. Platt ausgedrückt.

      4) Ketsu, der Schluss der alle Elemente zusammenführt und eine Schlussfolgerung zieht.

      Im Regeldrama kommt nach der Katastrophe die Katharsis. Die Hauptfigur ist ein besserer Mensch. Ketsu kann auch die Wirkung vom Ten sein. Noch mal alles reflektieren. Und den Moment von "Mono no Aware" erleben.

      Ich hab es mal als einzelnen Post geschrieben, weil es im Kommentar nicht gut mit der Formatierung klappt. Es ist auch recht kurz gehalten, weil ich eigentlich arbeiten muss. 🙈
      Wenn jemand Lust hat, können wir mal Bücher und Filme analysieren. Mir fallen gerade Sen to Chiniro no Kamikakushi ein, Kimi no na wa und als Roman Klara und die Sonne (Original ist Englisch).
      Die einzigen Menschen, die mich interessieren, sind die Verrückten,
      die verrückt leben, verrückt reden und alles auf einmal wollen,
      die nie gähnen oder Phrasen dreschen, sondern wie römische Lichter
      die ganze Nacht lang brennen, brennen, brennen.

      Jack Kerouac

      Kommentar


      • Badabumm
        Badabumm kommentierte
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        Danke für die Liste. Vermutlich stolpere ich über Punkt 2, weil man "Entwicklung" so oder so verstehen kann. Ein Spannungsbogen muss für mich nicht unbedingt "Aktion" haben. Viele Austen-Verfilmungen oder Rohmer-Filme zähle ich dazu, da sie sich über lange Strecken kaum von der Stelle bewegen. Die japanischen Titel sagen mir nichts, da ich alle Filme und Bücher auf deutsch konsumiere.

        Ich habe nur bei den ganz alten japanischen Filmen (Ozu, Mizuguchi) das Gefühl, mich zu langweilen, weil einfach die Aussage schwer verständlich ist, aber bei Kurosawa merke ich kaum noch Unterschiede zu jetzt. Insgesamt sind die Filme generell gemächlicher. Aber Schnitt und Motive fußen nun mal auf einer anderen Filmkultur, es ist also nicht alleine der Spannungsbogen, der fremdelt, sondern auch die Bildsprache.

        Ich hatte bei japanischen Filmen (ab ca. 1960) nie das Gefühl, dass sie auf kein Ziel zusteuern. Es ist nur ungewohnt, die Bildsymbplik zu interpretieren.

        Die modernen japanischen Filme scheinen nun genau das Gegenteil zu wollen: sie sind zu schnell geschnitten und viel zu aktionsreich. Möglich, dass sie für eine westliche Sehweise gedreht werden.

        Wenn ich nun z.B. "The king's speech" heranziehe, so hat der Film durchaus Spannung, obwohl nicht viel passiert. Und die typischen französischen Sommerferienfilme perlen auch nur so dahin und bei den meisten davon darf gefragt werden, ob der/die Prota überhaupt etwas "mitnimmt". Die gewonnenen Erfahrungen sind dort sehr subtil, fast unmerklich.

      • Peter
        Peter kommentierte
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        Ich hoffe, die Berliner Schulen bieten wieder regelmäßigen Unterricht (und ein akzeptables Hygienekonzept), damit du wenigstens der Stelle entlastet bist. War eine harte Zeit. Wird hoffentlich besser.

      #7
      Ich wage mal die These, dass ein klassischer europäischer Spannungsbogen nicht immer sein muss. Victoria hat ja oben schon Alternativen aufgezählt.

      Aber auch, wenn man beim den meisten von uns vertrauteren Herangehen an Geschichtenaufbau bleibt, dann muss meiner Meinung nach nicht immer der Spannungsbogen ein Element der Geschichte sein. Es reicht, wenn der*die Leser*in sich unterhalten fühlt.

      Wird es am Ende gelingen, Saurons Macht zu brechen? Werden Elizabeth und Mr Darcy am Ende heiraten? Uns ist beim Lesen schon klar, dass alles "gut ausgehen" wird. Aber die Charaktere erleben genügend Hindernisse, dass die Reise dahin für sie aufregend ist. Bei diesen Hindernissen fiebern wir mit, und das macht den klassischen Spannungsbogen aus. Auch, wenn es keine Spannung im Sinne von Thriller und Suspense ist.

      Aber es gibt auch genügend Geschichten, bei denen gar nichts spannend ist im Sinne des Spannungsbogens.
      Slice of Life ist so ein Genre. Es wird eine Stimmung aufgebaut oder ein Charakter vertieft, aber es passiert eigentlich ... nichts. Trotzdem kann das sehr unterhaltsam zu lesen sein, nicht zwingend im Sinne von "unterhaltsam = komisch", aber man schwelgt in der aktuellen Situation des Charakters.
      Auch Parodien können unterhaltsam sein, ohne Spannung aufzubauen. "Bored of the Rings" liest bestimmt niemand um herauszufinden, ob Sauron am Ende besiegt wird. Man liest es, weil man sich über die Formulierungen amüsiert und darüber, wie die geliebten Charaktere veräppelt werden.
      Biographische Romane fallen mir noch als Beispiel ein. Ich lese gerade wieder in den Cromwell-Büchern von Hilary Mantel. Da passiert nichts, absolut nichts, was ich nicht schon wüsste. Und sowieso folgt ein echtes Leben nicht zwingend einem typischen Spannungsbogen. Aber ich lese gerne, wie die Autorin es geschafft hat, Cromwells Alltag für mich plastisch werden zu lassen.

      So viel zur theoretischen Überlegung. Jetzt zur Praxis:

      SoraNoRyu
      Stimmt, das echte Leben funktioniert nicht wie ein Roman. Klar kannst Du jetzt entscheiden, statt dem klassischen Romanaufbau eine Geschichte zu entwerfen, die eher einem echten Leben entspricht. Wenn Du "nur" für Dich schreibst, dann macht das sicher auch Spaß. Vielleicht finden sich auch ein paar Leute, die sagen, hey, so eine realistische Erzählung habe ich mir schon immer gewünscht. Für eine breite Leser*innenmasse ist es wahrscheinlich eher nichts, denn, tja, wie sage ich es höflich ... das Durchschnittsleben ist langweilig (nicht böse gemeint, sondern rein aus der Erwartungshaltung der geschichtenkonsumierenden Masse betrachtet). Ich bin mir sicher, dass es niemand interessant, spannend oder unterhaltsam finden würde, einfach nur mein Leben in chronologischer Reihenfolge erzählt zu bekommen.
      Was die innerliche Distanz zu den Figuren und deren Leid betrifft - ich glaube, dass kennt jede*r von uns, zumindest zu einem gewissen Grad. Manchmal leidet man enorm mit, manchmal kann man sich gut distanzieren, manchmal macht es einem geradezu Spaß, die Figuren leiden zu lassen und manchmal ist es einfach nur ein Handwerk, das man runterschreibt. Wenn es gerade jetzt einfach nicht geht zu schreiben, weil Du zu sehr mitleidest, dann geht es eben nicht. Das ist doch nicht schlimm, jede*r hat mal solche Phasen.
      Always avoid alliteration.

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